Donnerstag, 15.11.2018
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Altersschwerhörigkeit kann zur Isolation führen

Foto: Forum gutes Hören

Hörgeräte im Trend, aber Senioren scheuen sich

Moderne Hörgeräte liegen voll im Trend: Die neue Generation entspricht kleinen digitalen Hochleistungscomputern im Ohr, die von der Umwelt kaum noch wahrgenommen werden. Allein im vergangenen Jahr wurden in Deutschland weit über eine halbe Million verkauft: 726 000 Geräte, das sind 76.000 mehr als noch im Jahr 2007. Ob trendfarbig oder ganz schlicht – wer nicht mehr gut hört, greift heute wie selbstverständlich zum Hör-Computer. Jeder fünfte Schwerhörige trägt inzwischen ein Hörgerät.

HNO-Experten kritisieren nun, dass sich vor allem die über 65-Jährigen aus Unwissenheit dem Trend verweigern. Patienten mit Altersschwerhörigkeit würden lieber leiden und sich zunehmend von der Außenwelt abkapseln, als den Griff zur erlösenden Hörhilfe zu wagen. Nur 15 Prozent der Altersschwerhörigen sind mit Hörgeräten versorgt.

Gerade die neue „offene Versorgung“ genannte Technik bietet für ältere Menschen wesentliche Vorteile: Die Verstärkung in den hohen Tönen, die bei der Altersschwerhörigkeit ausfallen, ist besser und naturgetreuer möglich. Der Gehörgang bleibt dabei weitgehend frei, weil dort das frühere klobige Ohrpassstück durch ein kleines, nahezu unsichtbares Körbchen ersetzt wird.

„Man muss das Hörgerät als das betrachten, was es ist: Ein reines Hilfsmittel, wie eine Brille auch“, erklärt HNO-Experte Professor Dr. Hans-Wilhelm Pau, Direktor der HNO-Universitätsklinik Rostock. Über die teils nur millimetergroßen Hörgeräte gebe es vor allem bei der älteren Generation noch viel Aufklärungsbedarf. Die Angst vor einer Stigmatisierung sei daher heute „völlig unbegründet“, betont Professor Dr. Pau.

Rund 16 Millionen Menschen leiden in Deutschland unter Hörverlust, acht Millionen Menschen davon sind über 65 Jahre alt. „Wir haben noch viel zu tun“, unterstreicht der Präsident der deutschen Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie e. V. „Man muss den älteren Patienten klarmachen, dass die modernen Hörgeräte nichts mehr mit den Hörhilfen der Großväter gemein haben.“ Es ist wichtig, frühzeitig mit einem Hörgerät versorgt zu werden, denn das Hörvermögen muss wie ein Muskel trainiert werden. Hört man über längere Zeit schlecht und trägt kein Hörgerät, „verkümmert“ der Hörsinn. Leichte bis mittlere Hörverluste lassen sich noch einfach korrigieren. Die meisten Patienten wählen sogenannten Hinter-dem-Ohr-Geräte.

Die Schwerhörigkeit im Alter behindert die Kommunikation mit den Mitmenschen und das gesellschaftliche Leben im Alltag stark. „Die Schwerhörigkeit im Alter führt oft zu sozialer Isolierung. Wenn die Leute merken, dass sie nicht mehr alles verstehen, ziehen sie sich zurück“, so Professor Pau. Wie schon Immanuel Kant formulierte: „Nicht Hören können trennt uns von den Menschen.“

In Altersheimen sei die Versorgung mit Hörhilfen oft mangelhaft. Hier seien Pfleger und Familie gefragt – aber auch die Akustiker.

Die modernen Hörgeräte bieten viele Vorteile: Rund 94 Prozent der heutigen Hörgeräte arbeiten mit digitaler Verarbeitung der Schallsignale und werden dem Träger individuell angepasst. Unangenehmes Pfeifen durch akustische Rückkoppelung gehört der Vergangenheit an, akustische Signale werden sofort analysiert.

Eine der Ursachen für das nachlassende Gehör im Alter ist neben dem natürlichen Alterungsprozess der alltägliche Lärm. Jeder Bürger ist davon betroffen. „Viele Mini-Traumatisierungen mindern das Hörvermögen im Alter“, so Pau. Besonders gefährdet vom Hörverlust sind Menschen, die ihrem Ohr auch in der Freizeit keine Ruhephasen gönnen. Wer als Musiker, Diskjockey oder auch Jäger arbeitet, ist besonders betroffen. Professor Pau: „Der ständige Lärm summiert sich und führt dann zur Schwerhörigkeit im Alter.“

Der Experte rechnet in Zukunft mit einer drastischen Zunahme der altersbedingten Schwerhörigkeit: Der ständige Lärmkonsum heutiger Jugendlicher, die sich mit MP3-Playern tagtäglich einer Dauerbeschallung aussetzten, stelle heute schon die Weichen für die Schwerhörigkeit im Alter. Die Gefahr durch Berufslärm ist im Gegensatz zur Freizeit in den vergangenen Jahren durch die Bemühungen der Berufsgenossenschaften erheblich verringert worden.

Zu den typischen Warnzeichen für Schwerhörigkeit gehörten etwa das Lauterstellen des Fernsehers und das deutlich lautere Sprechen des Betroffenen. Patienten, die mit den normalen Hörgeräten nicht klar kommen, können auf implantierbare Hörgeräte ausweichen. Dazu muss eine medizinische Indikation wie etwa eine chronische Entzündung des Ohres oder vergebliche Versuche der mikrochirurgischen Hörverbesserung vorliegen. Die Wissenschaft hat mittlerweile auch vollimplantierbare Hörgeräte entwickelt, die Schwingungen weiterleiten und das Hören für die Patienten wieder möglich machen.

Gehirn schützt vor Reizüberflutung beim Hören

Foto:

Bei Schwierigkeiten rechtzeitig Hörgerät anpassen lassen

(fgh) Unsere Welt ist voller Klänge. Das Gehirn konzentriert sich aber nur auf die, die ihm wichtig erscheinen und schützt uns so vor akustischer Reizüberflutung. Die Voraussetzung dafür ist gutes Hören. Bei Hörproblemen kann man die Fähigkeit, unwichtige Geräusche zu ignorieren, auch wieder verlernen. Um das zu verhindern, sollte man bei Hörminderung möglichst bald Hörsysteme nutzen.

Der Computer rauscht leise vor sich hin, der Kühlschrank brummt, im Hintergrund läuft ein Radio, draußen zwitschern Vögel, Kinder rufen, Autos fahren vorbei. In dieser alltäglichen Geräusch-Landschaft können wir uns problemlos darauf konzentrieren, ein Buch zu lesen. Wie schaffen wir das nur? Unsere Ohren nehmen jeden Ton wahr, der in ihre Nähe kommt. Doch unser Gehirn ist dazu in der Lage, alle Töne, die ihm unwichtig erscheinen, auszublenden. Sie werden in den Hintergrund gedrängt. So können wir uns auf die Schallquellen konzentrieren, die uns wichtig sind.

Diese Fähigkeit der selektiven Wahrnehmung schützt uns Menschen vor dem Stress, uns mit jedem Ton auseinander zu setzen, der uns begegnet. So sind wir in der Lage, uns in ein Buch zu vertiefen oder uns im Stimmengewirr einer Kneipe auf einen bestimmten Gesprächspartner zu konzentrieren. Auch nachts ist diese Fähigkeit wichtig, sonst würden wir bei jedem Auto, das vorbei fährt, aus dem Schlaf schrecken. Alle für uns alltäglichen, vertrauten Geräusche bewertet das Gehirn als unwichtig oder harmlos und ignoriert sie. Besondere Geräusche hingegen wecken uns und unsere Aufmerksamkeit. Das können zum Beispiel Schritte in einer Wohnung sein, in der wir allein zu sein glauben. Oder natürlich Babygeschrei, das bei den Eltern alle inneren Alarmanlagen angehen lässt.

Das Gehirn kann die wichtige Fähigkeit, sich nur auf bestimmte Töne zu konzentrieren, jedoch auch verlernen. Wer wegen einer Hörminderung einige Frequenzen seit Langem nicht mehr wahrnehmen kann, vergisst und verlernt den Umgang mit diesen Tönen. „Das Gehirn passt sich an das schlechte Hören an und empfindet das als normal“, so Professor Dr. med. Dr. h.c. Roland Laszig, Direktor der Universitäts-Hals-Nasen-Ohrenklinik Freiburg. „Über Jahre gewöhnt sich das Gehirn daran, bestimmte Geräusche gar nicht mehr zu hören. Wenn diese dann später mit Hörgeräten wieder wahrgenommen werden können, muss man sich auch daran erst wieder gewöhnen.“ Dann kann das Brummen des Kühlschranks oder das Rascheln der eigenen Kleidung beim Laufen erst mal irritierend sein. Professor Laszig empfiehlt deshalb, „Hörgeräte so früh wie möglich nutzen, damit es nicht zur Entwöhnung kommt.“

Die neuen Hörsysteme, so Professor Laszig, „sind inzwischen sehr gut geworden – dank offener Versorgung, digitaler Signalverarbeitung und Störschallunterdrückung. Damit hört man auch solche Geräusche, die man eigentlich schon vergessen hat. Geräusche, die wir als Normalhörende unterschwellig wahrnehmen und ausblenden.“ Dieses Ausblenden muss das Gehirn erst wieder lernen. Doch ein solcher Lernprozess ist mit zunehmendem Alter schwieriger, wie Laszig betont. Deshalb sollte man sich Hörgeräte vom Hörgeräte-Akustiker anpassen lassen, sobald man die Verordnung hat. Je früher, desto besser. So bleibt die volle Klangwelt erhalten. Denn nur wenn man alles hören kann, hat man die Freiheit zu entscheiden, was man hören möchte und was nicht.

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