Contra Eliteförderung

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Unser Gastautor Michael Hartmann war bis 2014 Professor für Soziologie unter anderem mit dem Schwerpunkt Elitesoziologie an der TU Darmstadt

Die Kontroverse Eliten- versus Breitenförderung durchzieht die deutsche Bildungsdiskussion seit Jahrzehnten. Vor knapp zwei Jahrzehnten kam es in der SPD zu einer drastischen Kehrtwende. Die Partei, die bis dahin stets für Förderung in der Breite und gegen eine explizite Eliteförderung ausgesprochen hatte, sprach sich auf einmal engagiert für Elitebildung aus. Breitenförderung wurde jetzt diskreditiert als „Gießkannenprinzip“, das nur Mittelmaß produziere.

Am deutlichsten zu erkennen war diese Kehrtwende bei der Exzellenzinitiative für die deutschen Hochschulen, die von der Regierung Schröder 2004 ins Leben gerufen wurde. Das erklärte Ziel war damals. Die deutschen Universitäten sollten leistungsstärker und international konkurrenzfähiger werden. Sie sollten damit ihre Position in den internationalen Rankings deutlich verbessern und für ausländische Spitzenwissenschaftler attraktiver werden.

Schaut man sich die Ergebnisse heute an, so kann man bezweifeln, ob die erklärten Ziele wirklich erreicht worden sind. Schon oberflächlich ist leicht zu erkennen, dass sich an den Ranking-Positionen nichts positiv verändert hat. Der Trend geht sogar eher in die entgegengesetzte Richtung. Waren vor Beginn der Exzellenzinitiative noch fünf bis sechs deutsche Universitäten im Shanghai-Ranking unter den 100 führenden der Welt zu finden, sind es aktuell nur noch vier.

Auch, wenn man die Ergebnisse genauer und wissenschaftlicher untersucht, sieht es nicht viel besser aus. Selbst die von offizieller Seite mit der Bewertung beauftragte und der Initiative sehr wohlwollend gegenüberstehende Imboden-Kommission kam in ihrem Abschlussbericht zu einem eher ernüchternden Fazit. Zwar habe es eine Zunahme von hochzitierten Publikationen an den siegreichen Universitäten und vor allem in den Exzellenzclustern gegeben, das sei aber nur begrenzt aussagekräftig. Es sei eben nicht zu klären, ob es sich nicht nur um eine „Bündelung bereits vorhandener Forschungskapazitäten“ handele.

Bestenfalls ein Nullsummenspiel

Es kann sich also schlicht und einfach nur um eine Konzentration besonders publikationsstarker Wissenschaftler an den Universitäten handeln, die im Wettbewerb siegreich waren. Diese Hochschulen profitieren von den zusätzlichen Mitteln und dem Imagegewinn durch die Exzellenzinitiative. Gleichzeitig verlieren aber jene Universitäten, an denen diese Wissenschaftler zuvor tätig waren. Das ist insgesamt bestenfalls ein Nullsummenspiel.

Es spricht sogar viel dafür, dass es für die deutsche Wissenschaft auf Dauer zu einem Verlust an Leistungsfähigkeit kommen kann. Die deutsche Hochschullandschaft zeichnete sich traditionell durch eine hohe Qualität in der Breite aus. Anders als in anderen großen Industrieländern gab es nur relativ geringe Unterschiede zwischen den Universitäten. Das sorgte sowohl in der Forschung als auch in der Lehre für ein hohes Durchschnittsniveau. Deshalb war Deutschland in den Rankings unter den Top 500 anders als in den Top 100 auch immer sehr stark vertreten.

Diesen Vorteil gibt man nun auf, ohne das erklärte Ziel erreichen zu können, mit den US-Eliteuniversitäten um „die besten Köpfe“ konkurrieren zu können. Dafür ist die Kluft, was die finanziellen Möglichkeiten angeht, einfach zu groß. Die führenden US-Universitäten wie Harvard, Stanford oder Columbia haben jeweils allein einen jährlichen Etat, der fast doppelt so hoch ist wie der Etat aller Universitäten im mit vier Exzellenzuniversitäten erfolgreichsten Bundesland Baden-Württemberg.

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