Wolf: Streit um die Populationsgrenze

Streitobjekt Wolf – Dieser Jungwolf lebt im Tierpark, doch auf freier Wildbahn wächst die Population des Canis lupus lupus und mit wachsender Populationsgröße nehmen die Konflikte zu. Wie viele Wölfe verträgt das dicht besiedelte Deutschland und wie…

Streitobjekt Wolf – Dieser Jungwolf lebt im Tierpark, doch auf freier Wildbahn wächst die Population des Canis lupus lupus und mit wachsender Populationsgröße nehmen die Konflikte zu. Wie viele Wölfe verträgt das dicht besiedelte Deutschland und wie gut wird die Population kontrolliert? Die BZ hat sich mit dem Thema auseinandergesetzt.

VON BERNHARD KNAPSTEIN

Der Schutz des Wolfes dient seiner Arterhaltung, doch die Politik hält sich bei der für die Kulturlandschaft Deutschland verträglichen Höchstzahl an Wölfen noch bedeckt.

Soltau/Bad Fallingbostel. Die Wolfspopulation wächst, die Konflikte zwischen dem Raubtier und dem Menschen nehmen zu. Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies fällt es dennoch schwer, die Frage zu beantworten, wie viel Wolf das Land eigentlich verträgt. Wo für ihn die Obergrenze liegt, da hält sich Lies bedeckt. In einem NDR-Interview von Ende November brachte er die 1000er-Grenze für die deutsch-polnische Population ins Gespräch, ohne sie allerdings konkret einzufordern. Sein Artenschutzreferent Konstantin Knorr hält abweichend davon „eine ausschließliche Betrachtung der Bestandszahlen für nicht zielführend“, wie aus einem der BZ exklusiv vorliegendem Schreiben des Beamten hervorgeht.

Lies will in jedem Fall aber eine bundeseinheitliche Regelung zur Populationsbegrenzung. Für Hannover ist der Wolf noch immer eine gefährdete Spezies, deren sogenannter günstiger Erhaltungszustand erst noch erreicht werden müsste.

Professor Dr. Michael Stubbe, Wildtierzoologe der Universität Halle-Wittenberg, widerspricht solchen Aussagen. „Der Wolf ist keine gefährdete Art.“ Ein Wolfsgegner ist Stubbe und die hinter ihm stehende Gesellschaft für Wildtier- und Jagdforschung dennoch nicht. „Wir stehen pro Wolf, aber in einer klar begrenzten Population.“ Gegenpositionen nennt Stubbe „pseudowissenschaftliche Thesen“.

Tatsächlich gibt es Naturschutzorganisationen, die nichts von Begrenzung halten, die Entnahme des Wolfs aus Prinzip ablehnen. Der Verein Wolfsschutz Deutschland etwa spricht sich klar „gegen jedwede Abschussverfügung“ aus und setzt sich auch sonst für die Abschaffung der allgemeinen Jagd ein. Das Ziel lautet demnach, dass sich die Art auf natürliche Weise selbst begrenzen soll.

Wie das aussehen könnte, haben mehrere Wissenschaftler analysiert. So setzt sich die Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz in ihrem Jahresbericht 2016/17 mit den natürlichen Grenzen der Wolfspopulation auseinander – und bezieht sich auf eine Habitatanalyse von 2010, nach dem bis zum Jahr 2044 die „maximale Anzahl von 441 Rudeln in Deutschland“ ermittelt werden könnte. Das Modell sieht vor, dass die Wölfe weniger Nachwuchs bekommen, wenn kein Territorium mehr frei ist. Das wäre demnach der Fall, wenn in Deutschland rund 3500 bis 4000 Exemplare leben würden. Andere Wissenschaftler wie Dominik Fechter und Ilse Storch kamen sogar auf bis zu 1769 Wolfsrudel bundesweit als natürliche Obergrenze.

Solche Analysen beziehen allerdings keine gesellschaftlichen Effekte ein. Angst der Bürger im ländlichen Raum gehören dazu, wie sie sich derzeit etwa in Behringen entwickelt, nachdem Wölfe auf dem Rosenhof zum zweiten Mal Schafe gerissen haben. Tatsächlich scheint schon jetzt die Akzeptanzgrenze der niedersächsischen Bevölkerung erreicht zu sein – vor allem im ländlichen Raum. Hinzukommen Nutztierhalter, die nahezu sämtliche Weiden wolfssicher einzäunen oder sich kostspielige Hirtenhunde leisten müssten. Aber auch das Jagdwesen und damit eine wichtige Kontrollinstanz der Wildbestände wäre von einer weiteren Ausbreitung betroffen.

Im Zentrum der harten Debatten um die Zukunft des Wolfs in der deutschen Kulturlandschaft steht das aktuelle europäische Umweltrecht. Das fordert für die Wahrung des Artenschutzes, einen „guten Erhaltungszustand zu erreichen und beizubehalten“. Doch was bedeutet das in Zahlen – und was ist, wenn der Zustand erreicht ist?

Bundesdokumentationsstelle DBBW hinkt der Realität deutlich hinterher

Selbst der aktuelle Bestand an Wölfen ist umstritten, offizielle Zahlen sind widersprüchlich. Im vergangenen Sommer hat sich der Umweltausschuss des Bundestages mit der Frage befasst, und Experten angehört, die zum Teil von sehr unterschiedlichen Bestandszahlen ausgegangen sind. So zählte Professor Dr. Wolfgang Köck vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung „nur 150 erwachsene Wölfe in Deutschland“, während Werner Gerhards vom Verein Sicherheit und Artenschutz „etwa 1050 Exemplare“ auf deutschem Boden wähnte.

Doch auch offizielle Listen lassen Fragen offen, zeigen gravierende Unterschiede auf. So gibt die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) für Ende 2017 für Niedersachsen 17 Territorien an, in denen 10 Rudel, 6 Paare und ein Einzeltier residieren sollten. Der Monitoringbericht der Landesjägerschaft Niedersachsen für das vierte Quartal des Jahres benennt hingegen 20 feste Territorien sowie sieben weitere, die unter Beobachtung stünden. Nach Angaben des DBBW hat das Schneverdinger Rudel drei Welpen, während der Monitoringbericht von sieben Welpen ausgeht. Während die DBBW das Revier Scheeßel gar nicht kennt, gab es dort laut Monitoringbericht den Nachweis für wenigstens drei der umstrittenen Caniden. Das sind bereits drei Ungenauigkeiten für Niedersachsen und die Heideregion im besagten Zeitraum.

Viel hat sich seither nicht getan, nur die Bestände nehmen weiter zu. Zurzeit weist die Internetseite des Wolfsmonitorings mit Stand November 2018 insgesamt 20 Rudel und 2 Paare mit 74 nachgewiesenen Welpen aus. Das Ministerium von Olaf Lies benennt sogar 24 Territorien. Niedersachsen hat damit wenigstens 44 ausgewachsene Wölfe nachgewiesen. Die tatsächliche Zahl dürfte darüber liegen, da auch Rudel mehr als zwei ausgewachsene Tiere umfassen können, Einzeltiere im Monitoring zudem nicht genannt werden.

Viel, oder wenig? Ein Blick ins benachbarte Bundesland Brandenburg lohnt. Dort sind 38 Wolfsterritorien mit 37 Rudeln, 1 Paar nachgewiesen. Wo viele Wölfe leben, ist auch der Schwund hoch. So sind in der Mark seit 1990 insgesamt 75 Wölfe unters Auto gekommen, 16 wurden illegal erschossen, 11 kamen durch sonstige Umstände ums Leben.

Doch auch hier gibt es Ungenauigkeiten. Die Böhme-Zeitung hat die Zahl der Territorien überprüft. Die offizielle Internetseite der von der Bundesregierung mit dem Wolfsmanagement beauftragten DBBW, weist für Brandenburg beispielsweise lediglich 17 statt der in Brandenburg erfassten 38 Territorien aus. Im Falle Brandenburgs dürften die Daten der DBBW-Seite etwa aus dem Jahr 2014/15 (19 Territorien) stammen. Die DBBW zählt bundesweit 65 Wolfsterritorien. Eine Abfrage in den Bundesländern durch die BZ ergab allerdings 117 Territorien – ohne die Territorien mit „unklarem Status“ gerechnet. Demnach gibt es also fast doppelt soviele Territorien, wie von der bundesoffiziellen Dokumentationsstelle DBBW kommuniziert. Ein Umstand, der das Vertrauen in das deutsche Wolfsmanagement deutlich ins Wanken bringt.

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Faktencheck

Wolfs-Territorien 9.1.2019

Damit steht fest, dass die DBBW keine Kenntnisse über die tatsächlichen Wolfsbestände hat, das für die DBBW verantwortliche Bundesamt für Naturschutz (BfN) in dieser Frage blind handelt. Das BfN hat jüngst die Wolfspopulation mit 73 bestätigten Rudeln angegeben – eine weitere Abweichung.

Die Konflikte zwischen Mensch und Tier nehmen derweil zu, wie der Präsident der Landesjägerschaft Brandenburg, Dr. Dirk-Henner Wellershoff, weiß. „Die Akzeptanz sinkt dramatisch“, so Wellershoff im BZ-Interview (BZ vom 10. Januar 2019, Seite 5).

Nicht nur Jäger fordern eine Begrenzung der Bestände. Aber hat die Wolfspopulation einen „günstigen Erhaltungszustand“ im Sinne der europäischen Schutznorm erreicht?

Wo die Grenze liegt, beschreiben die dafür maßgeblichen „Leitlinien für Managementpläne auf Populationsniveau für Großraubtiere“, die von der Europäischen Initiative für Großraubtiere (LCIE) 2008 für die EU erstellt worden sind. Die LCIE ist Teil der Weltnaturschutzunion IUCN. In deren Kriterien wird eine Population von 1000 erwachsenen Tieren als „Soll-Stärke“ genannt. Populationen beziehen sich dabei ausdrücklich nicht auf einzelne Staaten, sondern werden grenzüberschreitend betrachtet. Eine Teilpopulation könne auch bei 250 erwachsenen Wölfen liegen, soweit eine Verbindung zur restlichen Population gegeben, die Teilpopulation also nicht abgeschnitten ist.

2000 Wölfe in Polen sind mit der baltischen Population eng verbunden

Allgemein anerkannt ist, dass die deutsche Population in einem Verbund mit der polnischen zu betrachten ist, dieser grenzüberschreitende Verbund von Wölfen wird oft als mitteleuropäische Flachlandpopulation bezeichnet. Die Population hat darüber hinaus einen fließenden Übergang zur baltischen Population. Allein die polnische Population weist nach Angaben des Vereins Association for Nature Wolf (AfN Wolf) allerdings bereits mehr als 2000 Exemplare auf. Polen grenzt an das Baltikum, wo offiziell 1000 Wölfe in Lettland, 300 in Litauen und 200 in Estland leben.

Doch selbst wenn man nur die deutsch-polnische Population betrachtet, liegt die Populationsgröße bereits zwischen 2500 und 3000 Exemplaren. Die Vorgaben für den „günstigen Erhaltungszustand“ nach EU-Naturschutzrecht wären damit deutlich erfüllt. Das gilt erst recht unter Einbeziehung der baltischen Population.

Eine Begrenzung der Population durch Entnahme von Exemplaren, die Siedlungsbereichen zu nahe kommen, Nutztiere reißen oder sich sonst auffällig gegenüber dem Menschen zeigen, dürfte demnach schon jetzt nicht mehr gegen bestehende Schutznormen verstoßen. Damit wäre auch die lebhafte Diskussion um die Aufnahme des Wolfs in das Jagdrecht legitim, das Zögern von Umweltminister Olaf Lies in dieser Frage nicht mehr nachvollziehbar.

Am Ende könnte sonst bittere Realität werden, was sich durch erste Straftaten bereits andeutet: der kaum kontrollierbare, illegale Abschuss einer geschützten Spezies.