Deichsicherheit kommt nicht voran
Dr. Christoph Wasserfuhr in seinem Element: Der Ingenieur ist Vorsitzender des Deichverbands Hodenhagen. In der Krise des Hochwassers Ende 2023 wurde der Deich-Experte und auch seine Vertreter wegen persönlicher Befindlichkeiten aus dem Krisenstab ausgeladen. Der Landrat als vorgesetzte Katastrophenschutzbehörde spricht dennoch von einer guten Kommunikation.Foto: bk
An den Deichen in Hodenhagen ist keine Verbesserung der Situation in Sicht – und wird es auf längere Zeit wohl auch nicht sein, wie ein Gespräch mit dem Vorsitzenden des Deichverbands Hodenhagen, Dr. Christoph Wasserfuhr, offenbart.
NLWKN bremst Sicherheit aus formaljuristischen Gründen aus
Das Absaufen des Serengeti-Parks und das Hochstauen des Allerzuflussgewässers Meiße zum Jahreswechsel 2023/24 hätten eigentlich ein Alarmsignal sein sollen. Für ein Extrem-Hochwasser (HQ extrem) muss die Meiße mit einem Sperrwerk versehen sein, damit die Aller nicht in die Meiße drücken und zugleich aber das Meißewasser in die Aller abgepumpt werden kann. „Das NLWKN hat aus formaljuristischen Gründen die stabilen Meißedeiche für Berechnungen nicht akzeptiert“, erläutert Ingenieur Wasserfuhr. Die seien tatsächlich nicht auf einem aktuellen Stand, weil etwa Deichverteidigungswege fehlten, aber sie seien – wie sich gezeigt habe – auch sehr stabil. Nun wird es zunächst kein Sperrwerk geben, weil der Ausbau der Deiche in eine Gesamtbetrachtung einbezogen werden muss, so Wasserfuhr – „was einige Millionen Euro mehr kosten wird“. Der Bau des Sperrwerks ist allerdings aus Wassefuhrs Sicht der wichtigste Faktor für die Sicherheitslage.
Für vier bis fünf Millionen Euro sei das Werk in etwa drei Jahren zu errichten. Wer Deiche auf aktuellen Stand bringen wolle, müsse Land zukaufen, Planungsverfahren durchführen, Umweltrecht berücksichtigen und bis zur Vollendung der Deiche auf aktuellem Stand bis zu drei Jahrzehnte in Kauf nehmen. Kostspielige Katastrophen seien mit einem Sperrwerk mit entsprechender Leistungsfähigkeit und der Pumphilfen des THW in Extremsituationen zu verhindern, ist Wasserfuhr überzeugt. Doch das NLWKN bremst und die Landesregierung lässt den politischen Druck vermissen.
Deichverband muss sich auflösen und neu gründen
Hinzukommt ein weiteres Problem: Einige Deichverbände – im Heidekreis sind neben dem DV Hodenhagen zwei weitere betroffen – sind nach 1990 nicht rechtssicher gegründet worden und müssen sich auflösen, um danach rechtssicher neu gegründet zu werden. Hintergrund ist ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, das festgestellt hat, dass der Deich- und Unterhaltungsverband im Amt Neuhaus aufgrund eines Formfehlers rechtlich eigentlich gar nicht existiert. Da die Deichverbände ihre Satzungen seinerzeit partiell voneinander abgeschrieben haben, taucht das Problem bei mehreren Deichverbänden auf.
ie Kommunikation im Krisenstab des Landkreises einschließlich der technischen Einsatzleitung und mit den Krisenstäben der drei Samtgemeinden bewerte man als gut, wiederholt die Kreisverwaltung auf Nachfrage, denn das war auch schon die Bewertung von Landrat Jens Grote im unmittelbaren Nachgang zu den Hochwasserereignissen im Dezember 2023 und Januar 2024, die das Aller-Leine-Tal und auch die hiesigen Feuerwehren in Atem gehalten haben.
Landrat wurde über gefährlichen Krisen-Kommunikation informiert
Eine bei ihm angefragte persönliche Stellungnahme wollte Grote nicht abgeben. Dabei böten unschöne Ereignisse in Hodenhagen während des Hochwassers durchaus einen guten Grund, die Kommunikationsprozesse auf den Prüfstand zu stellen. Anlass dazu bietet ein Schreiben des Deichverbands Hodenhagen an den Landrat vom 26. Dezember, Stand Mitternacht. Das Schreiben ist von dritter Seite der BZ zugespielt worden. Verbandsvorsitzender Dr. Christoph Wasserfuhr hat in dem Schreiben nicht nur die aktuellen Zustände der Deiche durchgegeben, sondern auch moniert, dass am Fuß eines Deichs Baggerarbeiten durchgeführt wurden, um Pumpen besser einsetzen zu können. Das Problem dabei: Der Deichverband, der die Struktur und die Sicherheitsgrenzen der Barrieren am besten kennt, war als Eigentümer der Deiche nicht eingeweiht worden. Die Bagger hatten einfach losgelegt und damit das Bauwerk gefährdet.
Als das Hochwasser Ende 2023 kam, lief in der Krisenbewältigung nicht alles rund. Foto: bk
Doch damit nicht genug, denn schon Stunden zuvor, um 19 Uhr, hatte der Deichverband den konstruktiven Vorschlag gemacht, am Meißedeich Krusenhausener Bach bis Safari-Park-Straße einen Düker mittels Sandsäcken vorübergehend zu verschließen, um einen bereits stattfindenden Durchfluss Richtung Safari-Park zu unterbinden. Das entsprechende Schreiben des Deichverbands, vom zweiten Weihnachtsfeiertag um 19 Uhr, liegt der BZ ebenfalls vor. Das Schreiben enthält allerdings auch einen zentralen Kritikpunkt, den der Deichverband gegenüber dem Landrat kommuniziert. Der Deichverband habe zufällig an einer Sitzung des örtlichen Krisenstabs um 12 Uhr des 26. Dezember teilgenommen, an dem die Beteiligten des Krisenstabs sich versammelt hatten. Offiziell eingebunden war der Deichverband nicht. Als um 16 Uhr der Krisenstab erneut tagte, wollte, so führt das Schreiben an den Landrat weiter aus, ein Vertreter des Deichverbands teilnehmen. „Ihm wurde der Zutritt verwehrt mit dem Hinweis: es handele sich um eine geheime Sitzung, da hätte der DV Hodenhagen nichts verloren“, so heißt es in dem Schreiben wörtlich. Auf den Vorfall von der BZ angesprochen, bestätigt Dr. Wasserfuhr als Vorsitzender des Deichverbands – und Autor des Schreibens – den Vorgang. „Ich habe den Deichverteidigungsfall ausgerufen und dann hat mich der Vorsitzende des Krisenstabs, Samtgemeindebürgermeister Carsten Niemann, von den Sitzungen des Krisenstabs aktiv ausgeschlossen“, so Wasserfuhr über die Ablehnung von technologischer Expertise im Krisenstab. Vorgesetzte Katastrophenschutzbehörde in Niedersachsen ist der Landrat.
Kreisverwaltung geht über Problem hinweg
Hintergrund der aktiv betriebenen Ausladung beziehungsweise Nicht-Einbindung des Deichverbands in die Katastrophenschutzberatung dürfte ein Zwist zwischen Wasserfuhr und Niemann sein. Beide waren bei den Kommunalwahlen gegeneinander um das Amt des Samtgemeindebürgermeisters angetreten. Während Wasserfuhr ein drohendes Jahrhunderthochwasser zum politischen Thema gemacht hatte, hatte Niemann, so Wasserfuhr, das als unrealistisch und Panikmache verworfen. Dann kam der Dezember 2023. „Sie wollten wohl keine Zeugen haben, wenn sie Fehler machen“, vermutet Wasserfuhr.
In der Krise wurde der Deichverband Hodenhagen als für den Hochwasserschutz wesentlicher Beteiligter partiell aus den Krisengesprächen ausgeschlossen, was dieser auch moniert hat. In der Kreisverwaltung wird darüber hinweggegangen, sogar behauptet, „die gute und sachliche Kommunikation wurde von allen Mitgliedern und Fachberatenden des Krisenstabes gewürdigt“, wie Landrat Grote die Böhme-Zeitung wissen lässt.