Camper: „Uns geht es gut hier“

Auch im Winter herrscht Betrieb auf dem Campingplatz Naturcamping Lüneburger Heide, ehemals Scandinavia an der Bundesstraße 71. Dort wohnen viele Menschen dauerhaft in Mobilhäusern zumeist auf Pachtgrundstücken. Foto: at

Das Interesse an der Sitzung des Bauausschusses am Dienstagabend in Soltau war gewaltig. Im begrenzten Raum des Alten Ratssaales waren daher zusätzliche Sitzmöglichkeiten bereitgestellt worden. Die Zuschauer interessierte vor allem ein Tagesordnungspunkt: die erste Verlängerung der Veränderungssperre für den in Aufstellung befindlichen Bebauungsplan im Bereich des Campingplatzes Scandinavia (heute: Naturcamping Lüneburger Heide).

Dort passiere viel, versicherten einige Bewohner des Campingplatzes nach der Sitzung des Ausschusses. Immer mehr Mobilheime würden aufgestellt, der Betrieb liefe so gut, dass das Leben dort als besonders lebenswert empfunden werde. Erbost waren die Bewohner insbesondere über das geplante Vorhaben der Stadt, den Campingplatz langfristig aufzulösen. Dort wohnten viele Menschen, die sich wohl fühlten in ihren kleinen Häusern. Der Stadt gehe es doch nur um Geld und nicht um die Menschen.

Ein Vorwurf, den es seit Jahren vonseiten der Dauercamper an die Stadtverwaltung gibt – zumindest seitdem bekannt geworden ist, dass der Campingplatz planerisch zu den 100 Hektar gehört, auf denen die Stadt ein neues Industrie- und Gewerbegebiet ausweisen will – diesmal auf der östlichen Seite der Autobahn 7 in Nachbarschaft zu Soltau-Ost III.

Wer auf die Webseite des Campingplatzes schaut, dem springt als Erstes ein Kasten ins Auge, der ein Traum-Mobilheim bewirbt. „Kaufen Sie Ihr eigenes Mobilheim oder mieten Sie traumhafte Pachtgrundstücke von 200 bis 500 Quadratmetern“, heißt es dort. Wer will, wird an Ort und Stelle virtuell durch das Traum-Mobilheim geführt. Geschäftsführer Torben Kostiuk sieht den Planungen der Stadt Soltau nach wie vor entspannt entgegen. Vor gut vier Jahren übernahm er den Platz: „Das war so und ist so.“ Der Campingplatz funktioniere in dem Rahmen, wie es aktuell erlaubt sei. Daran ändere auch die Veränderungssperre nichts.

Mit der Veränderungssperre will die Stadt Soltau verhindern, dass auf dem Campingplatz Vorhaben umgesetzt werden, die letztlich ihren Zielen entgegenstehen. Für Kostiuk ist das jedoch kein Problem: Alle nötigen Bauten, ob Rezeption oder Sanitäranlagen, würden ohne Funktionsverluste mobil aufgestellt. „Es macht Spaß, einen Campingplatz zu betreiben, wir wachsen“, erklärte Kostiuk.

In den letzten Jahren sei er bemüht gewesen, kleine Parzellen auf dem Campingplatz aufzukaufen. Im Jahr 2022 gab es noch rund 30 Eigentümer auf dem Gelände, jetzt seien es nur noch zehn oder elf, sagt Kostiuk. Er habe sich bemüht, den Platz zu arrondieren. Daher sei er aktuell nicht daran interessiert, den Campingplatz zu verkaufen. Was in 30 Jahren sei, könne er natürlich nicht sagen.

Rechtlich begrenztes Instrument

In der Sitzung des Bauausschusses wurde deutlich, dass das Instrument der Veränderungssperre nicht dauerhaft angewendet werden darf. Die CDU, die das Vorhaben nach vielen Jahren der Planung als nicht umsetzbar sieht (BZ vom 28. Januar: „Soltau Ost IV: Zwischen Fata Morgana und Realität“), meint, dass sie nur noch für ein Jahr anwendbar sei; dann könne eine Veränderungssperre nicht noch einmal verhängt werden. Die Stadtverwaltung sieht das anders, wie die Fachgruppenleiterin Lorena Boy im Ausschuss betonte. Auch im kommenden Jahr könne das Instrument noch einmal greifen, dann könne möglicherweise auch das Bebauungsplanverfahren für die Ausweisung des Industriegebiets beginnen. Zudem könne der Betreiber trotz Veränderungssperre Vorhaben umsetzen: „Das heißt nicht, dass keine Veränderung möglich ist.“ Wenn es Bedarf gebe, könne man darüber sprechen.

Für die CDU steht allerdings fest, dass das Projekt auch aufgrund der Eigentumsverhältnisse nicht umsetzbar ist. Dabei blickt Fraktionschef Dr. Andreas von Felde auch auf das Vorhaben am Sportpark Ost. Auch dort sehe es so aus, als scheiterten die Zentralisierungspläne, weil nicht alle Grundstücke zur Verfügung stünden. „Juristisch ist das tot“, so von Felde zum Industriegebiet.

Außerdem sei die Ausweisung von Gewerbeflächen auf Vorrat eine überholte Denkweise, zumal man Flächen bereits mit Schulden gekauft habe. „Wir brauchen einen B-Plan und einen Investor dahinter, der das rechtfertigt.“ Wichtiger sei es, Soltau in Sachen Wohnen und Wohnqualität nach vorne zu bringen. Außerdem laufe die Umsetzung des Therme-Neubaus, des Fahrradkonzeptes und weiterer Pläne nur schleppend, pochte er auf eine andere Prioritätensetzung im Rathaus.

„Wir brauchen Flächen in der Rückhand“

Die SPD-Fraktion folgt im Hinblick auf die Ausweisung von Soltau Ost IV der Verwaltung. „Wir brauchen Flächen in der Rückhand“, so Fraktionsmitglied Reiner Klatt. Die CDU würde an dieser Stelle Beschlüsse kippen, die sie noch vor einiger Zeit mitgetragen habe. Zudem seien die 100 Hektar eine der wenigen Flächen, die für eine Industrieentwicklung in Soltau überhaupt infrage kämen. Außerdem könnten die Planungen noch nicht weiter vorangetrieben werden, weil ebenso die finalen Planungen für den dreispurigen Ausbau der Autobahn 7 noch ausstehe. Bis dahin könne die Stadt nur eingeschränkt handeln.

Weiterhin merkte Klatt an, dass die Industriegebietsplanung ein Hindernis für das Vorhaben der Bahn sei, dort die Neubaustrecke Hamburg–Hannover entlangzuführen. Er geht davon aus, dass der aktuelle Beschluss zur Veränderungssperre mit den Stimmen von SPD sowie BU/FDP mehrheitlich den Stadtrat am 17. Februar passieren wird. Zuvor wird sich der Verwaltungsausschuss nicht öffentlich noch einmal damit befassen.

Bürgermeister Karsten Brockmann betonte im Ausschuss, dass es konkrete Anfragen zu Industrieflächen in Soltau gebe. Daher müsse man diese vorhalten. Gleichzeitig gelte es, die Wohngebiete weiter wachsen zu lassen. Der Bedarf sei hoch, das zeige auch die große Nachfrage nach Grundstücken an der Tetendorfer Straße. In der ersten Bewerbungswoche für einen Bauplatz in dem Neubaugebiet sei man überrannt worden.

Deichmann: Man sondiert

Nachdem es in dieser Woche hieß, dass Deichmann nicht mehr an der Ansiedlung eines Distributionszentrums im Gewerbegebiet Soltau Ost III direkt an der Autobahn 7 interessiert sei, widersprach das Unternehmen: Man sondiere weiter die Lage. Dabei spielten mehrere Aspekte eine Rolle, die man vollumfänglich betrachten möchte, so ein Unternehmenssprecher. Sämtliche Einflussfaktoren wie beispielsweise die weltpolitische Lage, die allgemeine Inflation, Branchentrends, aktuelle Bau- und Energiekosten oder Entwicklungen im Online-Geschäft gelte es sorgsam abzuwägen. Fest stehe aber: Soltau sei für das Unternehmen nach wie vor ein guter Logistikstandort. Die Stadt biete eine gute Infrastruktur mit der Nähe zur Autobahn, und „wir pflegen bereits eine enge Zusammenarbeit mit der Stadt beim bestehenden Distributionszentrum und tauschen uns regelmäßig aus“.

Anja TrappeKommentieren