Wo weniger mehr ist
Björn Rogge (links) und Tim Crone arbeiten beim Maschinenbauer Hollmann nur noch an vier Tagen in der Woche. Lohneinbußen haben sie nicht. Archiv-Foto: bk
Bundeskanzler Friedrich Merz hat in den vergangenen Wochen mit scharfen Aussagen zur deutschen Arbeitskultur eine breite Debatte ausgelöst. Bei mehreren Terminen, etwa vor der Industrie- und Handelskammer (IHK) Halle-Dessau und beim Bäckerhandwerk in Dortmund, kritisierte der CDU-Politiker Work-Life-Balance und eine Vier-Tage-Woche als luxuriöse Fokussierung, die am Ende nicht helfe, die Wettbewerbs- und Leistungsfähigkeit Deutschlands zu sichern. „Mit Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche lässt sich der Wohlstand unseres Landes, den wir heute haben, in Zukunft nicht erhalten – und deswegen müssen wir mehr arbeiten“, so der Kanzler bei der IHK Halle-Dessau wörtlich. Dabei verwies er auf den internationalen Arbeitszeitvergleich und appellierte an „Tatkraft statt Pessimismus“.
Merz’ Wortwahl hat Kritik und Widerspruch hervorgerufen. Gewerkschaftsvertreter etwa sehen in den Forderungen nach längeren Arbeitszeiten eine „ideologische Verengung“ der Debatte um gute Arbeit und lehnen generelle Angriffe auf Arbeitszeitverkürzung ab. Die Gewerkschaft IG Metall schlug dem Kanzler beispielsweise vor, sich „mal in drei Schichten ans Band zu stellen“, um seine Forderung nach mehr Arbeit zu hinterfragen; man brauche konstruktive Ideen statt „einfacher Pauschalität“.
Dr. Rüdiger Jeske, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Lüneburger Heide, möchte die Aussagen von Merz nicht bewerten. Er weist aber darauf hin, dass der durchschnittliche Betrieb in der Region sieben Mitarbeiter habe, darunter auch Auszubildende. Da könne die Vier-Tage-Woche, je nach Innung auch schon einmal schwierig werden. „Denken Sie an Elektro oder Sanitär, die Notdienste anbieten, da wird's mit dem Konzept schwierig.“
Hinzukomme der „Fachkräftesog“ aus Unterlüß. Die Rüstungsindustrie ziehe selbst Maler, Dachdecker und Lackierer ab. „Im Raum Uelzen hat ein Kfz-Betrieb bis auf die Tankstelle alles dicht gemacht, weil die Mechaniker von Unterlüß abgeworben wurden.“ Wenn die Vier-Tage-Woche dazu führe, so Jeske weiter, dass generell weniger gearbeitet werde, „dann haben wir angesichts des allgemeinen Fachkräftemangels ein echtes Problem – irgendjemand muss die Arbeit ja machen.“
Zwei Beispiele im Heidekreis belegen aber auch, dass die Vier-Tage-Woche trotz anfänglicher Skepsis sowohl bei Unternehmern als auch bei Arbeitnehmern zu einer deutlichen Verbesserung geführt hat – vor allem bei der Arbeitsmoral und der guten Stimmung in der Belegschaft. So berichtete die Böhme-Zeitung von der Einführung beim Maschinenbau-Unternehmen Hollmann aus Wolteredingen, wo selbst der größte Skeptiker unter den Arbeitnehmern überrascht war über die Wirkung der Umverteilung von Arbeitszeit.
Metallbau Ernst aus Soltau hat das Konzept sogar schon vor über zwei Jahren eingeführt. Geschäftsführer Michael Bluhm zahlt seinen Mitarbeitern Lohn für 40 Stunden, obwohl sie nur noch 38 davon leisten. „Der halbe Freitag war kaum nutzbar, da man nicht viel leisten kann, wenn die Mitarbeiter auf Baustellen rausfahren. Und nur für das Ausfegen der Halle zahle ich nicht“, so Bluhm. Er will das Konzept nicht missen, die Belegschaft sei hoch motiviert. „Ich kann aus meinen Mitarbeitern gar nicht viel mehr rausholen, selbst wenn ich wollte.“
Doch nicht in allen Innungen fällt die Kritik gleichermaßen aus. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) betont, dass Arbeitszeitmodelle wie die Vier-Tage-Woche zwar eine Möglichkeit flexibler Arbeitszeitgestaltung darstellen könnten, ihre Eignung aber stark von der betrieblichen Situation abhänge. Handwerksbetriebe müssten beispielsweise prüfen, ob bei knapper Personaldecke der Verzicht auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an bestimmten Tagen überhaupt umsetzbar sei – und wie sich verdichtete Arbeit auf Team und Produktion auswirke.
Die Debatte um Flexibilität im Arbeitszeitrecht sei zwar wichtig, aber nicht die Einführung eines pauschalen Rechtsanspruchs auf Vier-Tage-Woche. Damit spiegelt die Verbandsmeinung die realistische Perspektive vieler Handwerksbetriebe wider: Vier-Tage-Woche kann funktionieren, muss aber genau geplant werden, ist kein generelles Allheilmittel und stellt insbesondere kleinere Betriebe oft vor organisatorische Herausforderungen.
Auch die Industrie- und Handelskammern (IHK) stehen dem Thema eher differenziert bis kritisch gegenüber. IHK-Beiträge zur Vier-Tage-Woche betonen häufig, dass das Modell zwar bei Arbeitnehmern auf Interesse stoße, gleichzeitig aber Risiken bergen könne – etwa durch schwieriger planbare Arbeitsabläufe oder dadurch, dass Fachkräftemangel und Produktionsketten beeinträchtigt werden.
Unabhängig von der politischen Debatte zeigen etablierte Studienergebnisse, dass eine Vier-Tage-Woche bei gleichbleibender Bezahlung und entsprechender Organisation in ausgewählten Fällen zu höherer Mitarbeitermotivation und stabiler Produktivität führen kann. Zudem gibt es in Deutschland Pilotprojekte und Untersuchungen, die positive Erfahrungen mit dem Modell dokumentieren, vor allem in Dienstleistungs- und wissensintensiven Bereichen.
„Die Mitarbeiter können Routine-Untersuchungen beim Arzt auf Freitag legen, sich um die Familie kümmern und andere Termine regeln – das wirkt sich auf die Zufriedenheit der Mitarbeiter aus“, hält der Soltauer Bluhm jedenfalls an der Vier-Tage-Woche fest. Er fahre auch allenfalls noch bei Altkunden zu Notfallsituationen raus. Erst in der vergangenen Woche habe er einen Notdienst wegen festhängender Rollläden abgelehnt und auf den Montag verwiesen. „Die Kunden kommen damit in der Regel klar“, so Bluhm.