Wählervereinigungen könnten das Zünglein an der Waage sein

Zwei Kandidatinnen und ihre Unterstützer von der Munster-Union (von links): Simon Schleupner, Gerd Engel, Peter Westermann, die Landratskandidatin Cornelia Reithmeier, Dr. Carsten Emmann, Bürgermeisterkandidatin Anna Adamczak, Stefan Sorge und Gaby Skottka. Foto: ari

Wen bestimmen die Bürger im September dazu, den Heidekreis durch die nächsten acht Jahre zu führen, die absehbar herausfordernd sein werden? Die Kommunalwahlen werfen ihre Schatten voraus, SPD und CDU haben ihre Kandidaten früh benannt. Doch die Bindungswirkung der alten Volksparteien erodiert auch im ländlichen Niedersachsen, wenn auch weniger rasant als in vielen anderen Regionen. Neben den Grünen könnte bei dieser Wahl vor allem den in Kommunen und Dörfern tief verwurzelten unabhängigen Wählergemeinschaften eine Schlüsselrolle zufallen. Schlagen sie sich auf die Seite einer der beiden gesetzten Kandidaten und verleihen dem Wahlkämpfer Sebastian Zinke (SPD) oder Dr. Arne Wieben (CDU) zusätzliche Schlagkraft? Oder unterstützen sie die parteilose Kandidatur von Kreisrätin Cornelia Reithmeier?

Bei der mit 4 Sitzen im Kreistag vertretenen Bürgerunion (BU) ist man noch unentschlossen. „Wir entscheiden das in einem transparenten Verfahren“, so BU-Vorsitzender Thorsten Schröder. Auf einer Mitgliederversammlung sollen alle drei Kandidaten die Möglichkeit haben, sich vorzustellen und Fragen zu beantworten. Danach beschließen die Mitglieder, ob sie eine Wahlempfehlung aussprechen wollen, und falls ja, für wen. Dass die BU wirkmächtig personalisierten Wahlkampf machen kann, bewies sie 2025 in Soltau, wo ihr Bürgermeisterkandidat Karsten Brockmann sich gegen die Wahlvorschläge von SPD und CDU sowie vier weitere Bewerber durchsetzte.

Einen Schritt weiter in der Entscheidungsfindung ist der jüngste Zuwachs unter den unabhängigen Wählergemeinschaften: Die im Stadtrat Munster beheimatete Munster-Union (MU) beschloss auf ihrer ersten Fraktionssitzung im neuen Jahr, Reithmeier zu unterstützen – für die CDU-Abspaltung ein weiterer Schritt der Emanzipation von der Christdemokratie. Dieser fühle man sich „auf höheren Ebenen“, wie es der langjährige CDU-Kreisvorsitzende und heutige MU-Vertreter Gerd Engel ausdrückt, vielleicht noch verbunden. Aber nicht mehr im Kommunalen.

In Munster wirbt die MU für Anna Adamczak als neue Bürgermeisterin und stellt sich gegen CDU-Amtsinhaber Ulf-Marcus Grube, was angesichts der vergangenen Jahre keine Überraschung ist. Im Kreis positioniert sich die MU nun gegen einen CDU-Kandidaten, mit dem es keine Vorgeschichte gibt. Kritik an Wieben als Person ist nicht das, was die MU zu Reithmeier treibt. Wohl aber Unverständnis über die Kandidatensuche der CDU – und die Überzeugung, dass Reithmeier „herausragend befähigt“ sei, wie Stefan Sorge, aktuell einziger MU-Vertreter im Kreistag, betont.

Politik nicht nur für Munster

Man wolle „über die Stadtgrenze hinaus“ wirken, daher unterstütze man nicht nur Kreisrätin Reithmeier im Rennen um den Landratsposten, sondern werde bei den Kommunalwahlen auch mit eigenen Personalvorschlägen für den Kreistag kandidieren, stellt Sorge klar. Er und die anderen Mitglieder der MU-Stadtratsfraktion wirken im Gespräch aufgeräumt. Der Trennungsschmerz scheint endgültig überwunden, das Kapitel CDU für Sorge, Peter Westermann, Simon Schleupner, Gaby Skottka und Dr. Carsten Emmann abgeschlossen. Sachpolitik tritt an die Stelle von Streitigkeiten, der Blick richtet sich nach vorn. „Wir sind jetzt eine Wählergemeinschaft“, stellt Sorge nüchtern fest, „unser natürlicher Gesprächspartner im Kreis ist die Bürgerunion“. Mit ihr strebe man eine gemeinsame Liste an. Direkte Gespräche habe es noch nicht gegeben, berichten BU-Vorsitzender Thorsten Schröder und BU-Kreistagsabgeordneter Klaus Grimkowski-Seiler, aber man sei offen dafür.

Der Beschluss zur Unterstützung Reithmeiers erfolgte ohne vorherige Gespräche mit ihr selbst und den beiden anderen Kandidaten. „Sie hat eine beeindruckende Vita, genießt große Wertschätzung“, erläutert Sorge, warum die Entscheidung klar und frühzeitig fiel. In schwierigen Zeiten sei Zusammenhalt zum Besten der Kommune und über Parteigrenzen hinweg wichtig, dafür stehe die Kreisrätin. „Uns geht es um Fachkompetenz“, ergänzt Emmann, der auch Ortsvorsteher von Trauen ist. Einen reinen „Grüßonkel“ wollten die Bürger nicht mehr – das sei auch Konsequenz aus dem Ende der Doppelspitze, bei der es früher einen hauptamtlichen, fachlich qualifizierten Verwaltungsdirektor neben einem ehrenamtlichen Landrat gab, der nicht unbedingt Experte sein musste. „Verwaltung muss man können, das kann man nicht jemanden übertragen, nur weil er in der richtigen Partei ist.“

Dirigentin für die Politik

Reithmeier freut sich über die Unterstützung. „Vor allem über die Begründung“, fügt sie unter Verweis auf ihre Verwaltungserfahrung und Vernetzung mit den Kreistagsfraktionen hinzu. „Ein Dirigent, der sein Orchester kennt, erreicht mehr“, findet sie ein schönes Bild für ihr Amtsverständnis. „Am Ende ist das Amt nichts anderes als ein Erfüllungsgehilfe der Politik.“ Negatives über den CDU-Kandidaten hat keiner der MU-Vertreter zu berichten. Aber warum jemand von außerhalb und ohne Erfahrung im Führen einer Kommunalverwaltung? „Das Gute liegt doch so nah“, kritisiert Sorge die interne Kandidatenfindung der CDU