Hütehunde, Schnucken und Kartoffelschnaps

Zehn Böcke der Grau Gehörnten Heidschnucke machen einen Ausflug nach Berlin, die Weibchen bleiben wegen der beginnenden Lammzeit in Döhle zurück. Foto: ari

Mit dem Wörtchen „nie“ muss man vorsichtig sein auf einer Messe, die gerade ihr 100-jähriges Bestehen feiert und zum 90. Mal stattfindet. Aber die Lüneburger Heide und die Region des heutigen Heidekreises waren wohl zumindest sehr lange nicht mehr so präsent auf der Grünen Woche wie in diesem Jahr. Das hat drei voneinander unabhängige Gründe. Zum einen präsentiert sich in der Messehalle 20, die hälftig von Thüringen und Niedersachsen bestückt wird, erstmals die Leader-Region Naturpark Lüneburger Heide mit einem Stand. Zum anderen hat die UN-Generalversammlung das Jahr 2026 offiziell zum „Internationalen Jahr der Weidelandschaften und des Hirtentums“ erklärt, während die Deutsche Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen die Heidschnucke und den Hütehund zu „Gefährdeten Nutztierrassen des Jahres“ gekürt hat.

Und so findet sich die Leiterin des Lanschaftspflegehofs Tütsberg der VNP-Stiftung, Dr. Heike Brenken, am Montagmittag in einer eher ungewohnten Rolle wieder: Als Teil der Unterhaltungsschau in der Tier-Arena der Grünen Woche, in Begleitung zweier Weißer Hornloser Moorschnucken, umgeben von einem Reitpferd und zwei zotteligen Altdeutschen Hütehunden. Nachdem die Maul- und Klauenseuche das Tierprogramm der weltgrößten Agrarmesse im vergangenen Jahr stark ausgebremst hatte, sind diesmal wieder lebende Rinder und Schafe mit am Start.

Brenken bemüht sich, dem Publikum im Interview nicht nur die Eigenarten der drei Hauptarten von Heidschnucken näherzubringen, sondern auch die Botschaft, dass die Reste der uralten Hirtenkultur, die es in Deutschland noch gibt, in ihrer Existenz bedroht sind. Noch durchstreiften während der Saison tagtäglich acht Schäferinnen und Schäfer mit ihren Herden die Lüneburger Heide, „so wie man es seit Jahrhunderten macht“. Aber wie lange noch? „Die Grüne Woche ist ein wichtiges Forum für uns“, erklärt Brenken später an den Stallungen. „Wir machen uns Sorgen, dass Fördergelder gekürzt werden.“ Der Beitrag, den die Heideschäferei für den Landschaftspflege und den Tourismus leistet, ist groß, doch die wirtschaftlichen Erträge fallen größtenteils anderswo an. „Geld ist das eine, dazu kommen große Personalprobleme und ständig neue Tierseuchen, aktuell etwa die Blauzungenkrankheit Typ 8.“ Auch das Problem mit den Wölfen drücke nach wie vor.

Unbeschwertes Landleben präsentiert derweil die Niedersächsische Landjugend, an deren Stand Isabelle Pröster aus Twistringen Kartoffelschnaps ausgeschenkt. „Wir sind zum vierten Mal auf der Grünen Woche“, erklärt die 26-Jährige. Wer nicht in Berlin ist, feiert die Messe anderswo, die Landjugend richtet dezentrale Partys aus. Der Heidekreis ist am Stand der Landjugend mit dem Landesvorsitzenden Gerrit Ruschmeye aus Schneverdingen vertreten.

Schafhalter hadern weiter mit dem Wolf

Der Kurswechsel in der deutschen Wolfspolitik sei richtig, komme aber reichlich spät und „könnte schneller gehen“, sagt Brenken in Berlin. „Die Lüneburger Heide steht noch gut da, hier gehen die Heidschnucken nachts in die Ställe, das ist in der Moor- und Deichschäferei oft anders“, erklärt die Leiterin des Landschaftspflegehofs Tütsberg der VNP-Stiftung. „Wenn die Tiere nachts draußen sind und Wölfe umherstreifen, schläft man als Schäfer nicht gut.“

Der Umgang mit dem in Deutschland wieder heimischen Raubtier ist nach wie vor ein großes Thema unter Schafhaltern. Auch Schäfer Jens Meyer, der in der Tierhalle auf der Grünen Woche zehn Böcke der Grauen Gehörnten Heidschnucke aus der VNP-Herde von Clemens Lippschuss betreut, kommt unvermittelt auf das Thema zu sprechen und klagt über die Besserwisserei von Großstädtern, zum Beispiel in Bezug auf Herdenschutzhunde. „Die sind für den Einsatz in touristischen Regionen wie der Lüneburger Heide völlig ungeeignet, die reagieren auf einen Dackel genauso wie auf einen Wolf“, skizziert er ein Szenario, das man sich lieber nicht ausmalen möchte.

Die zehn aus Döhle mitgebrachten Böcke wirken in Berlin völlig entspannt, die am Gatter vorbeimarschierenden Menschenmassen scheinen die Tiere nicht groß zu stören. Mit in die Arena kamen die typischen Heidschnucken der Lüneburger Heide aber nicht, dafür sei die Art Hornlosen Moorschnucken besser geeignet, „das sind Kuscheltiere“, sagt Meyer. Die gedrungenen Schnuckenböcke der weiten Heidelandschaften seien direkte Berührungen durch Menschen weniger gewohnt. Dass der Ausflug in die Hauptstadt zu einer reinen Männerveranstaltung wurde, ist der Jahreszeit geschuldet. Die Lammzeit hat begonnen, da sind die Weibchen mit sich selbst und ihrem Nachwuchs beschäftigt und brauchen Ruhe. Den einzelgängerischen Böcken fällt bei den Heidschnucken nur die Aufgabe der Begattung zu, ansonsten kümmern sie sich nicht um den Nachwuchs.

Auch am Stand des Naturparks Lüneburger Heide sind Heidschnucken allgegenwärtig, allerdings nur als Fotomotiv. Die Messe-Premiere verläuft bislang äußerst erfreulich, berichtet Vereinsgeschäftsführerin Hilke Feddersen am Montag, als das erste von zwei Messe-Wochenenden geschafft ist. „Der Andrang am Sonnabend war unvorstellbar“, berichtet sie. Dass Feddersen und ihr Team überhaupt auf der Grüne Woche sind, war vor drei Monaten noch gar nicht absehbar. „Wir hatten beim Landschaftsministerium und bei der Marketinggesellschaft des Landes Niedersachsen angefragt, aber es hieß bei beiden, dass alle Stände bis 2028 ausgebucht sind“, erzählt sie.

Ende Oktober dann die überraschende Nachricht: Kurzfristig sei doch ein Standplatz frei geworden. „Uns blieben acht Wochen Zeit, um alles auf die Beine zu stellen, da mussten wirklich alle an einem Strang ziehen.“ Am Stand gibt ein Heide-Quiz, einen Fotopoint, regionstypische Produkte sowie VR-Brillen, die eine Wanderung durch und einen Drohnenflug über die Lüneburger Heide simulieren. Aus dem Heidekreis beteiligten sich die Kommunen Schneverdingen, Bispingen und Neuenkirchen am Berlin-Projekt, organisatorisch und auch finanziell. Die Tourist-Informationen der drei Kommunen übernehmen Standdienste, die Bürgermeister Carlos Brunkhorst aus Neuenkirchen und Dr. Jens Bülthuis aus Bispingen reisen auch selbst an. „Wir wollen unsere Region sichtbarer machen“, erklärt Feddersen den Hintergrund des Wunsches, zur Grünen Woche zu fahren. Die Leader-Region Elbtalaue ist bei der Messe seit längerem dabei. Wird künftig auch die Region Lüneburger Heide zum Standardprogramm der Niedersachsen-Thüringen-Halle bei der Grünen Woche gehören? Oder bleibt es bei einem Gastauftritt zur 90. Ausgabe der Berliner Traditionsveranstaltung? Naturpark-Vorsitzender Steffen Gärtner hat darauf noch keine abschließende Antwort. Erst einmal müssten die Erfahrungen der Messe-Premiere besprochen und ausgewertet werden, danach könne man weitersehen und eine gemeinsame Entscheidung treffen.

Kind der Goldenen 1920er-Jahre

Die jährlich stattfindende Grüne Woche ist die international wichtigste internationale Messe für Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau und endet am kommenden Sonntag. Erstmals öffnete die Messe vom 20. bis 28. Februar 1926 ihre Tore, sie ist ein Kind der legendären 1920er-Jahre in Berlin. Mehr als 300.000 Besucherinnen und Besucher werden an zehn Messetagen in den großen Ausstellungshallen erwartet, die Raum für rund 1500 verschiedene Aussteller aus der ganzen Welt bieten.