Geothermie: Der Bohrflüsterer und sein Fisch

Klaus Krusche sitzt im zweiten Stock der übereinanderstehenden Baucontainer, in der sich die Baustellenverwaltung befindet, und blickt auf drei Fotoausdrucke. Eines zeigt das Ende eines abgeschnittenen Chromrohrs, das aus dem Erdinnern hervorgeholt worden ist. Bei der Baustelle handelt es sich um den Bohrplatz Munster Südwest Z3, auf dem die Heide-Geo bald heißes Thermalwasser fördern möchte, um dessen Temperatur über einen Wärmetauscher abzugreifen und damit den Kunden der Stadtwerke Munster-Bispingen wetterunabhängige Wärmeenergie anbieten zu können. Hauptkunde ist dann die Bundeswehr.

Klaus Krusche

Der 70-jährige Ingenieur hat 1978 für die Preussag bereits das Bohrloch mit hergestellt. Jetzt trägt der hocherfahrene „Bohrflüsterer“ dazu bei, die Bohrung zu ertüchtigen und für die Geothermie nutzbar zu machen.

Doch bis die Streitkräfte mit der Wärmeenergie aus der Tiefe versorgt werden können, muss die Bohrung zunächst ertüchtigt und dann auch noch ein wenig erweitert werden. Dafür müsse zunächst der „Fisch“ aus der Bohrung geholt werden. Die Analogie zum Angeln ist bei den Ingenieuren, die sich um die fossilen Ressourcen im Erdinnern bemühen, nicht nur zufällig. So nenne „man das Verbleibende im Loch, das nicht benötigt wird“, erklärt Krusche. Das sind in erster Linie die alten Förderrohre, die auch auf dem Foto zu sehen sind. Abgesehen von der Schnittkante und leichten Ablagerungen im Innern sehen die Rohre stabil und vor allem intakt aus. Die Rohre werden über eine Seilwinde, die von einem Lkw aus bedient wird, gehoben. Dafür geht man mit einem Cutter so tief wie möglich runter, schneidet dort die Rohre und holt den oberen Teil hoch. Über einen Magneten, dem „Piranha“, werden auch dabei anfallende Metallspäne mit geborgen. In der vergangenen Nacht habe man so 15 Kilogramm Schrott hochgeholt.

Nach dieser Schrottbeseitigung wird mit einem neuen, im Zweifel dünneren Kopf das nächste Teil der alten Rohre „geangelt“. „Wenn wir Pech haben, sind es nur 50 Meter“, sagt Krusche. „Wenn wir Glück haben, kommen wir aber vielleicht auf 1000 Meter. Dann brauchen wir nur zwei Steps, um das Ziel zu erreichen. Es könne aber auch bedeutend länger dauern, blickt Krusche durchaus vertrauensvoll auf den hohen Bohrturm.

Woher das Vertrauen in die Technik rührt, wird im Gespräch schon bald deutlich. „Ich habe 1978 die Bohrung für die Preussag selbst gebohrt, ich mache das schon seit vielen Jahren“, blickt Krusche auf eine beachtliche berufliche Laufbahn zurück. Seit fünf Jahren sei er eigentlich schon Rentner. „Ich bin 70, da spielen andere schon Golf.“ Sein Kollege, Herbert Achilles, sei ebenfalls mit für die Preussag auf dem Bohrplatz gewesen. „Zusammen bringen wir es auf 140 Jahre Lebenserfahrung. Wir kennen die 48 Jahre alte Bohrung von Geburt an und gemeinsam bringen wir es auf 100 Jahre Fachexpertise im Umgang mit Bohrungen.“ In der Zeit habe sich dennoch wahnsinnig viel getan.

Dann kommt Krusche, der Bohrflüsterer, wieder auf das vor ihm liegende Projekt zurück. „Wir sind jetzt bei 2864 Meter, knapp 2000 Meter haben wir noch vor uns. Wenn der Fisch komplett raus ist, dann haben wir einen vollständigen Durchgang. Am unteren Ende der Bohrung ist dann nur noch der sogenannte Liner.“ Dabei handelt es sich um ein in die Bohrung gehängtes Rohr aus Metall oder Kunststoff. „Der müsste dann noch gefräst werden, und dann kann die Bohrung in den Wasserhorizont abgelenkt werden.“ Es gehe um eine Strecke von etwa 450 Metern, erläutert 70-Jährige. Die Bohrung gehe dann vielleicht sogar bis in die Horizontale hinein. Das habe den Vorteil, dass man im Wasserhorizont eine höchstmögliche Wasserrate erziele, die in die Bohrung einschießt. Das Loch in der Erde endet also bei ungefähr 5400 Metern. „Die Bohrung hat schon jetzt eine Neigung von 40 Grad, das soll zunächst auf 65 Grad ausgebaut werden.“

Auf die Frage nach möglichen Leckagen in der Bohrung und den Trinkwasserhorizonten winkt der erfahrene Ingenieur ab: „Das ist ja alles abgedichtet. Das wurde schon vor 48 Jahren gemacht. Das hält für immer“, ist er überzeugt und zeigt auf einer technischen Zeichnung noch einmal die zahlreichen Ringebenen, die wie Matroschkapuppen umeinanderliegen, Schutzhülle um Schutzhülle um Schutzhülle...

Dass die alte Förderrohrung überhaupt gehoben werden muss, statt genutzt zu werden, das hänge mit dem Durchmesser und dem erforderlichen Korrosionsschutz zusammen, erklärt Jan Niemann, Geschäftsführer der Stadtwerke.

Im Idealfall will das mit der Ertüchtigung beauftragte Unternehmen am 15. Februar die Bohrung von den Überresten der Erdgasförderung befreit haben. „Der Injektionstest wird in der Zeit zwischen dem 7. und 12. Februar stattfinden“, ergänzt Krusche zum bevorstehenden Zeithorizont. Der Test zeige dann genau, wie viel von dem begehrten heißen Thermalwasser in die Bohrung eindringe.

„Derzeit blicken alle großen Konzerne, Stadtwerke und Energieversorger auf Munster“, schließt Niemann. „Diese Form der Nachnutzung einer alten Förderbohrung mit der Tiefe ist einmalig. Ein kleines Stadtwerk mit einem Riesenprojekt“, freut sich der Chef des Munsteraner Versorgungsunternehmen. So wie Krusche an seine Technik glaubt, so ist auch Niemann vom Fördererfolg der tiefen Erdwärme fest überzeugt.