„Frieden in der Ukraine derzeit nicht greifbar"
Häppchen, Sekt und Soljanka treffen beim traditionellen sicherheitspolitischen Neujahrsempfang von Bundeswehr und Garnisonsstadt im Munsteraner Soldatenheim „Oase“ auf Krieg und Zerfall, es ist eine seltsame Mischung. Man wünscht sich ein frohes Neues, und lauscht den Ausführungen des Standortältesten, der erklärt, warum die Weltlage auch 2026 überwiegend düster bleiben wird. Das war schon in den vergangenen Jahren mit dem Festredner Generalmajor Björn F. Schulz so. Nun hatte nun auch sein Nachfolger Oberst i. G. Jörg Tölke wenig Ermutigendes zu berichten.
Ostafrika? „Bürgerkriege und Massenmigration an der Tagesordnung.“ Der Nahe Osten? „Die Spannungen halten an, in Gaza und im Westjordanland und auch in Südlibanon wird weiter gekämpft, Syrien nach dem Regimewechsel ist von einem gerechten Frieden noch weit entfernt, befindet sich in Teilen noch im Bürgerkrieg, und im Roten Meer beschießen die Huthis Schiffe, die Güter nach Europa transportieren wollen.“ China? „Breitet sich militärisch im Süd- und Ostchinesischen Meer aus und übt Druck auf die Staaten der ersten und zweiten Inselkette aus.“ Europa? „Russland intensiviert seinen imperialistischen Angriffskrieg in der Ukraine, ein Waffenstillstand oder sogar Frieden ist dort nach meiner persönlichen Bewertung derzeit nicht greifbar.“
Experte für den Kriegsverlauf in der Ukraine
Tölke führt seit August 2025 die Panzertruppenschule in Munster und bekleidet den Posten des Standortältesten, zuvor diente er als Referatsleiter für Krisenfrüherkennung im Verteidigungsministerium und stellvertretender Kommandeur der Panzerbrigade 21 in Augustdorf. Der ausgewiesene Bedrohungsanalyst bringt er Einsatzerfahrung aus Afghanistan mit und trat in der Vergangenheit öffentlich als Militärexperte für den Kriegsverlauf in der Ukraine in Erscheinung. In Munster um riss er eine Weltordnung in Auflösung oder zumindest im Umbruch. Und dabei hatte er Venezuela, Grönland und den Iran noch nicht einmal erwähnt.
Passen fröhliche Neujahrsempfänge mit Jazzmusik und Großveranstaltungen wie der Tag der Bundeswehr, der am 6. Juni in Munster mit 40.000 erwarteten Gästen groß begangen werden soll, da überhaupt noch in die Zeit? „Es ist am Ende auch unsere Möglichkeit, zu zeigen, wie gelebte Gemeinschaft funktionieren kann“, erklärte Tölke und riet dazu, sich diesbezüglich „auch ein bisschen ein Beispiel an der Ukraine zu nehmen“. Auch in dem kriegsgeplagten Land werde weiterhin gefeiert, berichtete er aus eigener Erfahrung. Die Menschen dokumentierten damit, dass sie sich von Tyrannen und äußeren Einflüssen ihre Art zu leben nicht nehmen ließen.
„Wo führt das alles noch hin?“
„Wo führt das alles noch hin?“, fragte Bürgermeister Ulf-Marcus Grube in seiner anschließenden Rede, als die Worte Tölkes im Saal noch nachhallten. „Ich weiß die Antwort nicht“, bekannte er, und wandte sich den vergleichsweise kleinen Sorgen Munsters zu, der „Hauptstadt des Heeres“. Grube dankte den Blaulichtkräften für ihr großes Engagement zum Wohle der Stadt, sprach von „starken Sportstätten“, gut aufgestellten Schulen und der engen Verzahnung von Militär und zivilem Leben in Munster. In diesem Zusammenhang hob der Rathauschef besonders die Veteranenkultur hervor, die sich in Munster mittlerweile gut etabliert habe.