„Die Hemmschwelle sinkt“

Viele Menschen auf engem Raum, Hektik und Zeitdruck: Die Stimmung im Regionalverkehr mit der Bahn ist oft angespannt, den gebotenen Respekt gegenüber Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und ihrem Hausrecht lassen manche Fahrgäste dann vermissen.
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Zwei massive Attacken auf Bahnmitarbeiter aus jeweils nichtigen Anlässen schocken die Republik. Die eine endete für einen 36-jährigen Zugbegleiter aus Ludwigshafen am Montag vor einer Woche während einer Ticketkontrolle in der Regionalbahn nach Kaiserslautern tödlich. Die andere endete nur einen Tag später am Bahnsteig 3 des Hamburger Dammtor-Bahnhofs für einen 49-Jährigen mit Verletzungen an Kopf und Oberkörper. Der 49-jährige DB-Angestellte wurde krankenhausreif geschlagen, nur weil er einen 43-Jährigen darauf hingewiesen hatte, dass es betriebsfremden Personen nicht erlaubt ist, sich im Dienstraum aufzuwärmen. Beide Vorfälle stechen in ihrer extremen Brutalität und den schwerwiegenden Folgen für die Opfer heraus.

Gleichzeitig sind sie symptomatisch für eine bedenkliche Entwicklung, die sich auch im hiesigen Regionalverkehr beobachten lässt, wie eine Bahnsprecherin auf BZ-Nachfrage bestätigt. „Leider nehmen Übergriffe auf unsere Mitarbeitenden seit Jahren zu“, erklärt die Bahnreferentin für Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen/Bremen auf BZ-Nachfrage. „Die Hemmschwelle für Gewalt in unserer Gesellschaft sinkt kontinuierlich.“

Hälfte der Angriffe betrifft Personal im Regionalverkehr

Im Jahr 2025 registrierte die Deutsche Bahn bundesweit mehr als 3000 strafrechtlich relevante Angriffe auf ihr Personal, durchschnittlich rund acht Vorfälle täglich. Dabei handelt es sich überwiegend um angezeigte Bedrohungen und Körperverletzungen. Das Dunkelfeld nicht erfasster Pöbeleien und Herabsetzungen kommt hinzu. Die Zahlen entsprechen ungefähr dem Vorjahresniveau. „Die Hälfte der Angriffe betrifft das Zugpersonal im Regionalverkehr“, erklärt die Bahnsprecherin. „Wir lassen unsere Mitarbeitenden nicht allein und nehmen unsere Verantwortung als Arbeitgeber sehr ernst“, verweist sie auf eine „Null-Toleranz-Strategie“ der DB, zu der auch eine eigens entwickelte App gehöre, die inzwischen jeder Zugbegleiter auf dem Smartphone mit sich führe. „Alle Mitarbeitenden sind angehalten, jeden Vorfall zu melden.“ Die Zusammenarbeit mit der Bundespolizei sei intensiviert worden und auch sogenannte Bodycams kämen verstärkt zum Einsatz. „Die Erfahrungen mit diesen Körperkameras sind gut“, berichtet die Bahnsprecherin, „es kann einen Konflikt deeskalieren, wenn ein Angreifer sich auf dem Bildschirm sieht.“ Aber reicht das alles? „Bei einer derart hemmungslosen Gewalt, wie wir sie jetzt erlebt haben, gibt es keinen hundertprozentigen Schutz.“

RB 37: Konflikt um Fahrradticket eskaliert

Auch auf dem Heidekreuz kommt es immer wieder zu unschönen Vorfällen, etwa vor knapp einem Jahr, als ein Zugbegleiter der Linie RB 37 auf der Fahrt nach Uelzen kurz vor dem Bahnhof Munster körperlich attackiert und verbal beleidigt wurde (BZ vom 6. Mai 2025).

Hintergrund der Auseinandersetzung soll gewesen sein, dass die Begleiterin des Tatverdächtigen ein Fahrrad dabei hatte, aber bei der Kontrolle kein Fahrradticket vorzeigen konnte.Der Anlass des Konflikts ähnelt damit dem bei der tödlich verlaufenden Attacke vor einer Woche bei Kaiserslautern, wo der Angriff von einem Schwarzfahrer ausging. Fahrscheinkontrollen und die Durchsetzung des Hausrechts gehörten neben dem An- und Abreiseverkehr bei Volksfesten, Großveranstaltungen und Fußballspielen zu den Situationen mit einem erhöhten Risiko von Übergriffen auf DB-Mitarbeiter, erläutert die Bahnsprecherin gegenüber dieser Zeitung. „Deeskalationstrainings gehören zur regelmäßigen Fortbildung von 20.000 Bahnbeschäftigten im direkten Kundenkontakt“, gewährt sie Einblick in den konzerninternen Umgang mit der Problematik. Der Eisenbahn-Verkehrsgewerkschaft (EVG) reicht das freilich nicht. Sie fordert unter anderem, Ticketkontrollen grundsätzlich zu zweit durchzuführen. Am 25. und 26. März wollen die Länderverkehrsminister als Reaktion auf die jüngsten Vorfälle über Maßnahmen für einen besseren Schutz von Bahnbediensteten beraten.

Andre RicciKommentieren