„Nicht nur Willy Brandt zitieren“

Protest vor dem Bundestag: Bildgewaltige Zeichen zu setzen, die auch online gut klicken, ist eine bewährte Methode der Kampagnenorganisation ONE.

Die Bekämpfung von Fluchtursachen war mal ein großes Thema. Heute drehen sich die Debatten eher um Grenzschutz und militärische Abschreckung. Internationale Entwicklungszusammenarbeit ist inzwischen oft negativ konnotiert, in Zeiten härter werdender Verteilungskämpfe schlägt ihr zunehmend Misstrauen entgegen. „Radwege in Peru“, seufzt Alexander Steier. Mit der angeblichen Verschwendung deutscher Steuergelder für den Aufbau eines Radschnellwegenetzes in Lima wurde im vergangenen Jahr Stimmung gegen internationale Entwicklungszusammenarbeit gemacht, vielfach mit falschen Zahlen, das Thema brachte es bis in die Tagesschau. Steier ist Jugendbotschafter der Lobbyorganisation „ONE“, und er ärgert sich über negative Kampagnen wie diese. Denn natürlich spielen sie jenen in die Hände, die den 2025 bereits um fast eine Milliarde Euro zusammengekürzten Bundesetat für Entwicklungshilfe noch weiter runterfahren wollen.

Die Mittel, die die reichen Industrienationen ärmeren Ländern im Rahmen von Entwicklungszusammenarbeit zur Verfügung stellen, sind zuletzt weltweit eingebrochen. Treiber der Entwicklung sind vor allem die USA. Dort liegen zugleich die Wurzeln der Nichtregierungsorganisation (NGO) ONE, deren Aktivistinnen und Aktivisten sich laut Selbstauskunft „für eine gerechtere Zukunft“ einsetzen, „indem wir marginalisierte Stimmen unterstützen und Fort- schritt anstoßen“. Das auf eine Hauptforderung kondensierte Ziel klingt einerseits nur recht und billig, andererseits visionär: Ein Leben in Würde für alle Menschen, mit einem Dach über dem Kopf und Zugang zu Gesundheit, Bildung und sicheren Jobs mit fairem Lohn. „Wir wissen, was es braucht: bessere Gesetze, gezielte Investitionen und starke internationale Partnerschaften, die Ungleichheit wirklich bekämpfen.“

Der Fokus der NGO liegt dabei auf Afrika, und anders als bei klassischen Hilfsorganisationen geht es ihr weder darum, Spenden einzusammeln, noch um Mitgliedswerbung oder die Umsetzung eigener Projekte im globalen Süden. ONE verteilt keine Flyer mit schockierenden Bildern hungernder schwarzer Kinder und entsendet keine Fundraiser in die Fußgängerzonen belebter Städte. „Wir wollen nicht nerven“, sagt Steier. Stattdessen verbreitet die Kampagnenorganisation ihre Botschaften vor allem im Internet, und zwar häufig in Form erstaunlich positiver Kampagnen, in denen es darum geht, Erfolge der Entwicklungszusammenarbeit darzustellen. Die gibt es, und sie würden viel zu selten thematisiert, heißt es. Polio wurde dank großer Impfkampagnen fast vollständig ausgerottet, die weltweite Kindersterblichkeit sank seit dem Jahr 2000 um mehr als die Hälfte, und auch im Kampf gegen HIV und Aids in Afrika wurden in den vergangenen Jahrzehnten große Fortschritte erzielt.

Der Fokus auf vergangene Erfol- ge hat etwas Motivierendes für die Zukunft, er entfaltet eine andere Wirkung als die immer gleichen Elendsgeschichten. „Das hat mich gecatcht“, sagt Steier über den Anfang seines Engagements, das mit Klick-Aktivismus begann, dort aber nicht endete.

„Jüngere Menschen erhalten wenig Gehör“

Vor rund zwei Jahren bewarb sich der heute 21-Jährige bei ONE, um einer ihrer ehrenamtlichen Jugendbotschafter zu werden. „Ich dachte mir, dass das ein wirklich wichtiges Thema ist, für das man sich engagieren kann“, erzählt der Königsmoorer, der inzwischen in Göttingen Jura studiert. „Jüngere Menschen erhalten verhältnismäßig wenig Gehör, ihre Anliegen werden oft als Nischenthemen abgetan“, sagt er. Dabei gehe bei der Entwicklungszusammenarbeit um die Zukunft der Welt und auch die Interessen Deutschlands, an wirtschaftlich stabilen Partnern ebenso wie an der Vermeidung immer neuer Flüchtlingsströme. Prävention koste was, sei am Ende aber nicht nur humaner, sondern auch viel preiswerter als der Verzicht darauf.

Mit Kampagnen soll Druck aufgebaut und die Politik zum Handeln bewegt werden, aktuell zum Beispiel zur Abwendung oder Milderung der humanitären Katastrophe im Sudan. Das man „nicht nerven“ wolle, bezieht sich insoweit nicht auf die Mächtigen, denen man das Wegducken auch durch gewisse Penetranz so schwer wie möglich machen will.

Für ONE-Jugendbotschafter Steier steht dabei insbesondere Lars Klingbeil im Zentrum des Interesses, der mächtigste aktive Politiker aus der Region, der zudem als Finanzminister wesentlich mitentscheidet, wo im Bundeshaushalt gekürzt wird und wo nicht. Mit der Beleuchtung der Stadtkirche Walsrode und der Verbreitung von Botschaften prominenter Unterstützer wie Carolin Kebekus setzte ONE vergangenen Monat ein Zeichen in Klingbeils Wahlkreis. Steier findet die Prioritäten des SPD-Mannes falsch. Massive Aufstockung bei der Bundeswehr und gleichzeitige Streichungen bei der Entwicklungshilfe sende ein fatales Signal.

Doch es sieht ganz danach aus, als ginge es erst einmal so weiter. Nach Plänen des Bundes- finanzministeriums soll der Etat des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) im kommenden Jahr weiter schrumpfen. Steier reiste eigens nach Oldenburg, wo der dortige SPD-Bundestagsabgeordnete und parlamentarische Staatssekretär Klingbeils, Dennis Rhode, ihm zu einem persönlichen Gespräch empfing.

Rhode sparte, wie zuvor schon Klingbeil, nicht mit Anerkennung für das politische Engagement des Studenten. Den Eindruck, dass weitere Kürzungen im BMZ-Etat ausbleiben könnten, gewann Steier dabei aber nicht. Das entmutigt ihn nicht, überrascht ihn wohl auch nicht wirklich – enttäuscht ihn aber schon. „Klingbeil zitiert gerne Willy Brandt“, ist Steier aufgefallen. Die SPD-Ikone hat sich vor allem als Vorsitzender der Nord-Süd-Kommission stark für die Beseitigung von Hunger und Armut in der Welt eingesetzt. „Ihn nur zu zitieren reicht nicht.“