Dauerarrest für Schnüffelnasen
Der Waschbär breitet sich rasant aus und verursacht auch in Munster große Schäden an und in Häusern sowie unter heimischen Wildtierarten. Bei der Wildtierhilfe Lüneburger Heide herrscht Aufnahmestopp. Die dort lebenden Tiere sind gechipt und kastriert. Foto: Adobe Stock
Zellen voller Augenringe, lebenslange Gefangenschaft, Aussicht auf Freigang gleich null und Behörden, die über jeden Schritt wachen: Was wie ein Bericht über norddeutsche Hochsicherheitsgefängnisse klingt, beschreibt im Kern das Schicksal einer eigenwilligen Gruppe auf dem Emhof bei Soltau. Hier landen keine Straftäter mit Sicherheitsverwahrung, sondern Waschbären, die nur eines verbindet: Sie sind in Niedersachsen als „invasive Art“ zum Dauerarrest verurteilt.
Das Comeback der Waschbären in Niedersachsen hat ein Tempo, das selbst erfahrene Wildtierexperten überrascht. In Munster steigt der Bestand rasant nach oben. „Vor vier Jahren waren wir bei Stand 0, vor zwei Jahren bei 26 und im vergangenen Jahr mussten wir 98 Waschbären im Bereich Munster entnehmen und töten“, berichtet Hegeringleiter Peter Westermann. Er spricht nüchtern, lässt jedoch keinen Zweifel daran, wie unumkehrbar die Entwicklung ist: „Die Waschbären werden wir nicht mehr los. Das muss man sich klar vor Augen halten.“ Die Hauptursachen liegen auf der Hand. Ohne natürliche Feinde verbreitet sich der Waschbär rasch, findet Nahrungsquellen in Gärten, Dachböden und Mülleimern, richtet Schäden an Gebäuden an und dezimiert heimische Tierarten.
Für Westermann ist der nordamerikanische Einwanderer ein beeindruckender Überlebenskünstler. Trotz aller Bemühungen sieht der erfahrene Jäger die Grenzen des eigenen Handelns. „Wir schaffen es nur, ihn einzudämmen. Wir werden mit ihm leben müssen.“ Zugleich appelliert er an die Bevölkerung, die Tiere nicht auch noch zu füttern.
Die andere Seite des Problems findet sich auf dem Emhof bei Soltau. Diana Erdmann leitet dort die Wildtierhilfe Lüneburger Heide. Sie ist jeden Tag mit den Konsequenzen konfrontiert, die die großflächige Bejagung und die gesetzlichen Vorgaben nach sich ziehen. Seit dem vergangenen Jahr herrscht im Bereich der Waschbären offiziell Aufnahmestopp. „Wir haben jetzt 25 Waschbären. Da es ja eine invasive Art ist und nicht wieder ausgewildert werden darf, die Tiere bis zu 17 Jahre alt werden und die Vermittlungschancen ganz schlecht stehen, können wir keine mehr aufnehmen.“
Die Tiere bleiben also – wie auf unbestimmte Zeit verurteilte Häftlinge – im Gehege. „Die haben quasi lebenslang Knast verordnet gekriegt und dann halten wir sie so, dass sie es wenigstens gut haben“, berichtet Erdmann. Drei große Gehege bieten Platz für getrennte Gruppen, damit kein unnötiger Streit ausbricht. Der Alltag verlangt Organisation; die Versorgung der Tiere kostet erheblich Geld. „Das machen wir dann vorrangig über Spenden. Wir werden über den Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) mitfinanziert. Und wir werden für besonders geschützte Arten und invasive Arten mit unterstützt.“
Alternativen scheitern an rechtlichen Hürden
Die Zusammenarbeit mit Behörden ist Alltag. „Jetzt dürfen wir im Zuge der neuen Anordnung besonders geschützte und in bestimmten Fällen kastrierte Waschbären auch privat abgeben.“ Voraussetzung ist die Zustimmung des NLWKN sowie weiterer Behörden. „Wir begleiten die Interessierten ganz eng in dem Verfahren.“ Wer einen Waschbären halten möchte, braucht neben Haltegenehmigung und Ausbruchssicherungen auch ein Gehege mit Schleusen, Zäunen, Dokumentation – „sehr aufwendig.“
Für das Töten von Tieren sei nach wie vor der zuständige Jäger verantwortlich, der im Spannungsfeld zwischen Gesetz und Eigenverantwortung agieren muss. „Da kommen manchmal eigenartige Situationen zustande. So wie beim Jagdpächter mit vier kleinen Waschbären, der bei uns vor der Tür steht, die Mutter abgeschossen hat und fragt, ob wir das jetzt weitermachen können. Für einen Tierschutzverein ist das sehr unbefriedigend. Und es wäre schön, wenn es mal eine andere Lösung geben würde, außer massiv zu bejagen und nicht wieder auszuwildern“, sagt Erdmann.
Auch an wissenschaftlichen Ansätzen fehlte es nicht. Es wurden Versuche angeregt, kastrierte Tiere auszuwildern, damit diese leere Reviere besetzen und sich nicht mehr vermehren. Das scheitert bislang an rechtlichen Hürden. „Das galt dann als Tierversuch und ist nicht genehmigt worden.“ Kastriert und gechipt werden die Tiere auf dem Emhof trotzdem. „Zusätzlicher Aufwand, der ja auch Geld kostet.“ Aber das sind eben die Bedingungen: Jedes Tier muss eindeutig markiert sein.
Am Ende steht fest: Die einen schießen, die anderen sperren ein. Die Politik sucht nach Lösungen, doch vorerst bleibt das Leben für Waschbären in Deutschland ein Balanceakt zwischen Gesetz, Spendenkonto und Verwaltungsakt.