TikTok und Co.: Der Ruf nach Verboten wird lauter
Suchtgefahr beim Scrollen: 74 Prozent der 14- bis 16-Jährigen geben in einer repräsentativen Unicef-Studie an, auf Plattformen wie TikTok schnell ihr Zeitgefühl zu verlieren. Foto: Adobe Stock
Die sozialen Medien haben keinen guten Ruf mehr. Ihre Algorhythmen belohnen Extremismus, Desinformationen, Lügen und Sexismus, heißt es. Junge Menschen seien dem schutzlos ausgeliefert und gerieten schnell in ein suchtähnliches Verhalten, das die Kassen der Tech-Konzerne klingeln und Familien verzweifeln lasse. Nach Australien zieht nun auch Frankreich die Notbremse und plant ein Social-Media-Verbot für unter 15-Jährige. Sowas wäre auch in Deutschland populär. In repräsentativen Erhebungen sprechen sich bis zu 81 Prozent für ein Verbot aus, in erster Linie von TikTok, Instagram und Snapchat. In einer Online-Befragung der Böhme-Zeitung waren es gestern sogar 91 Prozent. Es wirkt wie ein Hilferuf.
Doch aus dem Heidekreis kommt auch Gegenwind. Gerrit Ruschmeyer, einer von zwei Landesvorsitzenden der Landjugend, gehört zu den Verfassern einer Stellungnahme, mit der sich der Verband klar positioniert. Im Gespräch mit der BZ macht der Schneverdinger geltend, dass gerade im ländlichen Raum viel auf dem Spiel stehe. Auf den Dörfern sei das gesellschaftliche Klima konservativer, dort seien die sozialen Medien für Jugendliche aus queeren Communities und anderen Minderheiten besonders zentral, um Austausch, Unterstützung und soziale Einbindung zu erfahren.
Ein Verbot sei zudem kaum praktikabel und verenge den Blick. Online-Plattformen hätten viele Seiten, dienten auch als Lernhelfer. „Schon ich nutzte als Schüler Lernvideos, das ist zehn Jahre her“, so Ruschmeyer. Dass sich der Landjugend-Vorstand überhaupt mit dem Thema befasst, geht auf jüngere Mitglieder zurück, die fürchten, ihre Stimme gehe in der Debatte unter. Laut Unicef-Studie lehnen 14- bis 16-Jährige Plattform-Verbote für Jugendliche überwiegend ab. Aber selbst in dieser Altersgruppe befürworten 55 Prozent ein Verbot für Kinder unter 14. Als größte Probleme werden Mobbing und Beleidigungen sowie zu langes Scrollen benannt. 74 Prozent sagen, sie verlören auf Plattformen wie TikTok schnell ihr Zeitgefühl.
Ruschmeyer nennt weitere Problemfelder, insbesondere unangemessene Inhalte. Nötig seien wirksame Schutzmechanismen und leicht zugängliche Kontrollmöglichkeiten für Eltern. „Es ist wichtig, Jugendverbände und Jugendliche frühzeitig in die Diskussionen und Entscheidungsprozesse einzubeziehen“, fordert die Landjugend. „Nur so können Lösungen entstehen, die sowohl den Schutz junger Menschen gewährleisten, als auch ihre Teilhabe und Interessen angemessen berücksichtigen.“