„Die Bundeswehr ist wie ein schwarzes Loch“
Das moderne Sanitätsunterstützungszentrum in Munster steht exklusiv der Bundeswehr zur Verfügung.
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Die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum befindet sich im Umbruch. Es geht nicht allein um die demographische Entwicklung, der sich alle Branchen zu stellen haben. Im Berufsbild vollzieht sich ein Kulturwandel. Der Landarzt alter Prägung stirbt aus. Was folgt auf ihn?
Einen Überblick hat die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN), zu deren Aufgaben die Sicherstellung der flächendeckenden Versorgung der gesetzlich Krankenversicherten zählt. Sören Rievers, Geschäftsführer der KV-Bezirksstelle Verden, macht vor allem auf eine Veränderung aufmerksam: „Medizin wird immer weiblicher.“ Der Frauenanteil in dem Fach liege an den Universitäten inzwischen bei über 70 Prozent. Die Folgen sind erheblich. Frauen arbeiten öfter in Teilzeit, Ärztinnen streben häufiger als ihre männlichen Kollegen das Angestelltenverhältnis an. Berücksichtigt man, dass Themen wie Work-Life-Balance bei Berufseinsteigern generell und geschlechterübergreifend einen höheren Stellenwert genießen als bei früheren Generationen, ergibt sich ein für die ärztliche Versorgung herausforderndes Bild.
Rievers unterfütterte es bei einem Besuch im Gemeinderat Bispingen mit Zahlen. „Für einen Praxisabgeber aus der Babyboomer-Generation brauchen Sie im Durchschnitt 1,6 neue Ärzte oder Ärztinnen für die gleiche Patientenzahl“, rechnete er vor. „Nichtsdestotrotz sind die Selbstständigen das Fundament“, stellte er klar. Ohne niedergelassene Praxisbetreiber gäbe es niemanden außerhalb von Kliniken, der Ärzte einstellt. Selbstständigkeit bleibe „der Goldstandard“ – den junge Mediziner aber zunächst oft ablehnen. Manche ändern ihre Haltung mit etwas Berufserfahrung. „Tendenziell nach drei bis fünf Jahren gibt es noch einmal einen Schwung in die Selbstständigkeit“, so Rievers. „Dann habe ich das ambulante System kennengelernt und weiß, wie der Hase läuft.“
Im Wettbewerb um die Ressource Arzt mischt im Heidekreis auch die Bundeswehr mit. Die truppenärztliche Versorgung bietet Angestelltenverhältnisse beim Staat, sichere Jobs mit geregelten Arbeitszeiten. In Munster befindet sich eines der größten Sanitätsunterstützungszentren der Bundeswehr mit rund 25 Ärzten verschiedener Fachrichtungen. „Ein medizinisches Zentrum, das kaum einen Wunsch offen lässt“, heißt es auf den Internetseiten des Landes. Wie sehr das Begehrlichkeiten weckt, ließ sich in der Ratssitzung beobachten. Könnte man das Potenzial nicht für die allgemeine Versorgung nutzen, wurde Rievers gefragt. Er habe auch schon mit Munsters Bürgermeister Ulf-Marcus Grube darüber gesprochen, antwortete er. Bei Klinikärzten gibt es Möglichkeiten der begrenzten Sonderzuweisung von Patienten. Bei Truppenärzten sei es anders. „Die Bundeswehr ist wie ein schwarzes Loch. Leider.“
Kein Zugriff für die KV
Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) ist eine zentrale Akteurin der flächendeckenden medizinischen Versorgung in Niedersachsen, aber ausschließlich für die gesetzlich Versicherten zuständig. Soldatinnen und Soldaten sind während ihrer Dienstzeit weder gesetzlich noch privat krankenversichert – sie profitieren von einer exklusiven unentgeltlichen truppenärztlichen Versorgung im Rahmen der freien Heilfürsorge. Die oft beschworene gute Zusammenarbeit zwischen Garnisonsstadt und Bundeswehr in Munster endet hier. Die rund 25 Fachärzte des großzügigen Sanitätsunterstützungszentrums am Heeresstandort bleiben in den Planungen der KV unsichtbar.