Hoch hinaus gegen die Seeluft

Hoch hinaus am Klimahaus in Bremerhaven geht es für das Team der Gebäudereinigung Walter GmbH aus Schneverdingen mehrmals im Jahr. Fotos: Gebäudereinigung Walter GmbH

Für die Besucher des Klimahauses beginnt die Reise durch verschiedene Klimazonen im Inneren: Sie wandern durch Wüste, Regenwald und Eiswelten, erleben Temperaturen und Landschaften rund um den achten Längengrad Ost. Für viele Familien gehört das Klimahaus gerade jetzt in den Sommerferien zu den Zielen für einen Ausflug. Drinnen macht das Klimahaus Klima erlebbar – draußen spüren Fachleute aus Schneverdingen, welchen Kräften das Gebäude im Stadtviertel ,,Havenwelten‘‘ ausgesetzt ist.

Einige Wochen vor den Sommerferien: Kurz nach fünf Uhr morgens macht sich das Team der Gebäudereinigung Walter GmbH auf den Weg zu seinem Arbeitsplatz. Wie ein Schiff liegt die Wissens- und Erlebniswelt in den Havenwelten. In Bremerhaven geht gerade die Sonne auf. Der Weg der Handwerker führt durch das Treppenhaus und die technischen Zwischenetagen bis hinauf aufs Dach. Dort oben, mit Blick über die Havenwelten, beginnt für sie über mehrere Wochen hinweg der eigentliche Einsatz. „Wir sind da ganz viel hinter den Kulissen, wo die Besucher gar nicht hingekommen“, sagt Geschäftsführer Matthias Walter.

4700 Glasscheiben unter freiem Himmel

Die Stahl-Glas-Fassade mit 4700 unterschiedlich geformten Glasscheiben sticht nicht nur optisch heraus, sondern stellt auch handwerklich besondere Anforderungen. Vor allem bei dem maritimen Klima aus starkem Wind, Schlagregen und der salzigen Seeluft. „Das ist ein Kampf gegen Windmühlen“, sagt Walter. Die Reinigung sei der Versuch, die Schäden, die über die Jahre entstehen, zu minimieren. Deshalb bedeute Gebäudereinigung auch Werterhalt.

Im Bereich über der Plaza seilen sich die Mitarbeiter ab. Hinzu kommen Hubsteiger, die in Höhen von 28 und 43 Metern reichen. Für Außenstehende wirkt das spektakulär, für die Fachleute ist es vor allem eine Frage von Ausbildung und Sicherheit. „Man braucht einen gewissen Grundrespekt“, sagt Walter. „Das ist eine Gewöhnungssache. Ich mache das jetzt seit fast 30 Jahren.“ Das Kunststück liege für ihn dagegen darin, in über 30 Metern Höhe den notwendigen Wasserdruck aufzubringen. „Wenn ich Wasser nach oben befördern will, brauche ich den entsprechenden Druck“, erklärt Walter. Die dafür notwendige Technik steckt in den Fahrzeugen des Teams. Dort sind Wasserfilteranlagen, Kompressoren und vieles mehr verbaut – alles, was die Handwerker benötigen, um Gebäude, Glasflächen oder Dächer zu reinigen. „Das ist quasi das A-Team der Gebäudereinigung“, sagt Walter.

Ein wichtiger Bestandteil des Verfahrens ist dabei der weitgehende Verzicht auf Reinigungschemie. Der Schneverdinger Betrieb arbeitet nach eigenen Angaben zu rund 99 Prozent chemiefrei. Gerade in Bremerhaven sei das eine besondere Herausforderung: Die Seeluft stellt besondere Anforderungen, gleichzeitig gibt es für den Hafen strenge Umweltauflagen. Zum Einsatz kommt dabei mineralfreies Wasser. Die Fahrzeuge des Teams verfügen über Filteranlagen, die Kalk, Metalle und weitere Bestandteile aus dem Wasser entfernen. Auf Glasflächen trocknet es rückstandsfrei ab. In Verbindung mit der mechanischen Bearbeitung sorgt das dafür, dass neuer Schmutz weniger schnell anhaften kann.

Seit 2024 ist der Handwerksbetrieb regelmäßig vor den Sommerferien vor Ort – rechtzeitig vor dem Start der Hauptsaison. Das Gebäude soll für die Besucher wieder entsprechend repräsentativ sein. Vor den Herbst- und Osterferien ist die Glasbrücke an der Reihe. Allein für einen Einsatz gehen mehrere Wochen Planung voraus: Unterkünfte müssen organisiert, Arbeitsbereiche abgestimmt und Sondergenehmigungen eingeholt werden. In diesem Jahr kam mit der gesperrten historischen Klappbrücke eine weitere Schwierigkeit hinzu. Weil sich dadurch der Verkehr umgeleitet wird, mussten einzelne Arbeiten kurzfristig neu geplant und teilweise in die Abend- und Nachtstunden verlegt werden.

Hitze durch Abend- und Nachteinsätze begegnet

Das war angesichts der Hitzetage im Juni nicht unbedingt ein Nachteil. An der Glasfassade verstärkt sich die Belastung durch die Sonneneinstrahlung. „Das ist ein bisschen wie ein Dönerspieß“, beschreibt Walter die Situation. Die Verlegung der Arbeitszeit in kühleren Stunden kam den Mitarbeitern daher entgegen. Mit der Dunkelheit verändert sich der Einsatz: Die Fassade wird zusätzlich mit Scheinwerfern ausgeleuchtet, die an den Körben der Hubsteiger befestigt werden. Die Mitarbeiter arbeiten mit Stirnlampen. Unten sichern geschulte Kollegen in Leuchtkleidung den Bereich und lotsen Passanten an der abgesperrten Arbeitsstelle vorbei. Denn in den Havenwelten ist auch spät am Abend noch Bewegung.

Umschulung als Chance fürs Handwerk

Für Walter ist der Auftrag nicht nur eine Referenz für sein Unternehmen. Er sieht darin auch eine Möglichkeit, jungen Menschen über die sozialen Medien zu zeigen, was Handwerk leisten kann. Viele seiner Gesellen kommen ursprünglich aus anderen Berufen – etwa aus der Mechatronik, dem Bau- oder Malerhandwerk. Sie haben eine Umschulung durchlaufen. „Man kriegt Fachkräfte, wenn man etwas dafür tut“, sagt er. Wichtig sei dabei vor allem, Menschen etwas zuzutrauen. Diese Haltung vermittelt Walter auch an Schulen. Seit mehreren Jahren spricht er an der KGS Schneverdingen mit Jugendlichen des Hauptschulzweiges über berufliche Wege und darüber, dass Erfolg nicht zwingend übers Abitur führen müsse.

Jeder Einsatz am Klimahaus bleibt für sein zwölfköpfiges Team etwas Besonderes. „Ich bin sehr stolz darauf, dass wir es als Team schaffen, so ein großes Ding zu machen“, sagt Walter. „Ich nenne das immer eine Nahtoderfahrung“, scherzt er. Wetter, Höhe und die Arbeit fern von zuhause schweißen Meister, Gesellen und Auszubildenden zusammen. Über mehrere Wochen wohnen sie gemeinsam, verbringen den Feierabend zusammen und erleben sich so noch mal völlig anders als im sonstigen Arbeitsalltag.