„Geredet haben wir nie“
Pastor Gottfried Berndt und Robert Hollmann vom Heimatbund haben viel Herzblut in die Ausstellung „Gesichter der Flucht“ gesteckt und in Gesprächen mit Menschen mit Fluchtgeschichte auch selbst was gelernt. Foto: at
Wer flüchtet, der schweigt. Diese Erfahrung macht Gottfried Berndt bei seinen wöchentlichen Aufsichten im Heimatmuseum Soltau. Dort, wo derzeit die Ausstellung „Gesichter einer Flucht“ gezeigt wird, steht genau dieses Thema im Mittelpunkt. Dabei begegnet er Menschen, deren eigene Fluchtgeschichte lange unausgesprochen blieb.
Die Erfahrung, die Heimat verlassen zu müssen, ist kein Thema allein der Gegenwart. Auch viele Familien, die schon lange in Soltau und Umgebung leben, tragen Flucht- und Vertreibungserfahrungen in sich. „Geredet haben wir nie“ – dieser Satz fiel nicht allein von jungen Besuchern aus dem Irak, dem Sudan oder Syrien, die die Ausstellung besuchten. Pastor i. R. Berndt hörte ihn auch von Menschen, deren eigene Erlebnisse Jahrzehnte zurückliegen und die er für die Ausstellung interviewt hat.
Die Ausstellung „Schau mich an – Gesichter einer Flucht“ entstand als Porträtserie des Asylkreises Haltern am See. Ihr Ziel ist es, Geflüchteten ein Gesicht zu geben und ihre persönlichen Geschichten sichtbar zu machen: von den Gründen ihrer Flucht bis zu den Erfahrungen des Ankommens in Deutschland. Im Mittelpunkt stehen keine Zahlen oder Statistiken, sondern Menschen mit individuellen Lebenswegen.
„Rassismus habe ich erst hier gespürt“
Für die Präsentation in Soltau wurde die Wanderausstellung um Geschichten von Menschen ergänzt, die hier eine neue Heimat gefunden haben. Und das waren nicht wenige: Hatte Soltau im Zweiten Weltkrieg nur gut 7000 Einwohner, verdoppelte sich die Einwohnerzahl nach Kriegsende durch den Zuzug von Flüchtlingen und Vertriebenen. In langen Gesprächen hat Gottfried Berndt einige dieser Erinnerungen festgehalten, aber auch die von Menschen, die später oder erst kürzlich flüchteten und dabei nicht immer gut aufgenommen wurden. „Man hat über die Leute gesprochen, nicht mit ihnen“, lautet eine weitere Erkenntnis Berndts aus den Gesprächen. Der Wolgadeutsche Viktor Haas etwa schilderte es ihm noch drastischer: „Rassismus habe ich erst hier gespürt.“
Ihm habe es sehr viel Freude bereitet, mit den Menschen zu sprechen und ihre Schicksale kennenzulernen, sagt Berndt. Teilweise wurden die Interviews auch aufgezeichnet. Er und die Mitstreiter des Heimatbunds um Robert Hollmann wollten aber auch wissen: Was nimmt man mit, wenn man von heute auf morgen flüchten muss?
Eine Tischdecke, ein Koffer, ein Foto, eine Halskette mit einem Kreuz oder eine alte Bibel gehören dazu. Aber auch die Erfahrung unterwegs, dass es gute Menschen gibt. So erinnerte sich Hildegard Dittmer an einen ostdeutschen Volkspolizisten, der ihrer Familie auf der Flucht geholfen habe – ihr kam er wie ein Engel vor. Dittmer, aber auch die inzwischen verstorbene Irene Bomblat, hätten von den Menschen, die ihnen auf der Flucht begegnet seien, meist nur positiv gesprochen, sagt Berndt.
Die „Gesichter einer Flucht“ und ihre Geschichten sind im Heimatmuseum zu sehen. Die Ausstellung wurde jetzt noch einmal verlängert. Noch bis zum 2. August lädt sie dazu ein, hinter den Porträts individuelle Lebenswege kennenzulernen und sich mit den Themen Flucht, Ankommen und Heimat auseinanderzusetzen.
Vom Tischtuch bis zum Silberkreuz
Dem einen ist nur eine Tischdecke geblieben als Erinnerung an die alte Heimat im pommerschen Konitz, das längst Chojnice heißt. Der Großvater hatte das Tischtuch im Fluchtgepäck, für alles andere war keine Zeit und kein Platz mehr. Das Erinnerungsstück, einst banaler Alltagsgegenstand, wird von der Familie heute in Soltau nur zu besonderen Anlässen auf die Tischplatte gelegt. Es gibt in der Ausstellung einige solcher Gegenstände, objektiv nicht viel wert und gleichzeitig für diejenigen, die sie liebevoll aufbewahren und behüten, wahre Schätze. Letzte Verbindungsstücke zu einer Vergangenheit, die sich immer weiter entfernt und irgendwann schemenhaft wird. Zu den Exponaten gehört etwa ein Koffer, in dem die wenigen geretteten Habseligkeiten einer ganzen Familie in der Endphase des Zweiten Weltkriegs den Weg von Ostpreußen nach Westdeutschland fanden. Oder das Andachtsbuch von 1774, das 1989 im Fluchtgepäck eines Russlanddeutschen den weiten Weg aus dem fernen Osten der Sowjetunion nach Soltau fand. Oder die Silberkette mit Kreuz, die am Hals eines Geflüchteten in den Heidekreis gelangte, der dem Terror der radikalislamischen IS gegen Christen und andere Gruppen im Irak nur knapp entkam. Oder das Geschenk der Mutter an ihren Sohn – ebenfalls eine Silberkette –, der aus Syrien bis nach Soltau floh, per Bus und Flugzeug, Fähre und Schlauchboot, durch acht Transitländer. Oder das Jesusbild und eine alte Bibel, die einem erst vor wenigen Jahren geflüchteten 19-Jährigen, dessen Familienangehörige teils noch in Syrien leben, Halt und Herkunft in einer Fremde geben, die erst noch zur Heimat reifen muss. ari