Ende einer langen Hängepartie

Das typische blau-gelbe Erscheinungsbild der Start-Züge wird ab August endgültig aus dem regionalen Schienenverkehr verschwinden. Foto: ari

„Jedem Anfang wohnt ein ein Zauber inne“ heißt es bei Hermann Hesse, und vielleicht gilt das nicht nur für die Scheidewege des menschlichen Lebens, die der Dichter im Sinn hatte, sondern auch fürs Profane. Zum Beispiel für einen neuen Verkehrsvertrag.

Am 5. September 2020, Deutschland und der Heidekreis trudelten langsam ihrem ersten Corona-Winter entgegen, wurde in der Böhme-Zeitung ein Anfang verkündet, der Bahnpendlern Mut machen sollte. Die DB Regio hatte das europaweite Ausschreibungsverfahren für das neu zugeschnittene kombinierte Dieselnetz Niedersachsen Mitte gewonnen, zu dem die Bahnlinien RB 37 und 38 gehören, die den Heidekreis an Hannover und Hamburg, Uelzen und Bremen anbinden. Viele waren unzufrieden mit dem bisherigen Streckenbetreiber Erixx, klagten über häufige Verspätungen und Zugausfälle. Jetzt schien klar: Der mächtige Staatskonzern DB übernimmt das Ruder, mit seinen personellen und finanziellen Kapazitäten würden sich die Dinge zum Guten wenden. Die Landesnahverkehrsgesellschaft (LNVG) malte aus, worin die konkreten Verbesserungen bestehen werden: In jedem Zug ein Kundenbetreuer, W-Lan, bessere Informationen und mehr Sicherheit für die Reisenden. „Der Betreiber muss nachweisen, dass er Mitarbeiter in Reserve hat, die bei kurzfristigen Ausfällen einspringen können“, teilte die Landesbehörde zuversichtlich mit.

Ausschreibung als „reiner Preiswettbewerb“

Dass der unterlegene bisherige Streckenbetreiber Erixx die Ausschreibung als „nahezu reinen Preiswettbewerb“ kritisiert hatte, schien nur eine Fußnote zu sein. Ebenfalls wenig Aufmerksamkeit erregte zunächst der Umstand, dass der Ausschreibungssieger gar nicht dasjenige Unternehmen war, das zum Fahrplanwechsel im Dezember 2021 tatsächlich im Heidekreis in Erscheinung trat. Statt der DB Regio übernahm Start Niedersachsen Mitte das Streckennetz. Dabei handelt es sich um ein Tochterunternehmen der Regionalverkehre Start Deutschland GmbH, die ihrerseits eine 100-prozentige Tochter der DB-Tochter DB Regio ist. Das Land hatte die Übertragung innerhalb des DB-Konzerngeflechts genehmigt.

Die Ausgliederung von Geschäftsfeldern in Tochtergesellschaften entsprach von Beginn an dem Organisationsprinzip der Bahnreform von 1994, aus der die privatisierte Deutsche Bahn AG hervorging. Aber weder bei der DB Fernverkehr noch der DB Cargo oder der DB InfraGO wurde die Aufsplitterung so weit getrieben wie bei der DB Regio. Man biete „das Beste aus zwei Welten“, heißt es dazu im Internetauftritt von Start: „Als 100-prozentige Tochter der DB Regio bieten wir alle Vorteile eines renommierten, zuverlässigen und sicheren Unternehmens. Doch wir haben unseren ganz eigenen Charakter: Wir denken Regionalverkehr neu, setzen auf innovative Konzepte und erproben frische Ansätze, um den Nahverkehr auf der Schiene noch attraktiver zu machen.“

Dass das Unternehmen diesem Anspruch auf dem Heidekreuz zu keinem Zeitpunkt gerecht werden sollte, zeichnete sich früh ab. Bereits der erste Sommer unter Start Niedersachsen Mitte geriet zum Desaster und sorgte für einen rapiden Ansehensverlust bei den zusehends genervten Fahrgästen. Züge fuhren stark verspätet oder fielen gleich ganz aus, waren verkürzt unterwegs und entsprechend überfüllt, ließen Fahrradfahrer mangels Platz am Bahnsteig stehen. Das ging über Wochen und Monate so. Bahnpendler berichteten von der Angst, wegen ständiger Verspätung ihren Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu verlieren. Heidepark-Besucher aus den Großstädten kehrten völlig abgekämpft und massiv verspätet heim und berichten ungläubigen Freunden und Eltern von ihren Bahnerlebnissen im Heidekreis. Es war neben allem anderen auch ein riesiger Imageschaden für die Tourismusregion.

Die Politik schaltete sich ein, die LNVG fordert von Start ein besseres Instandhaltungsmanagement und die Überprüfung interner Arbeitsabläufe. Im November 2022 erhält das Bahnunternehmen die Quittung: Das Land verhängt eine Vertragsstrafe wegen Schlechterfüllung des Verkehrsvertrages. Addiert mit Abzügen wegen konkreter Zugverspätungen und -ausfällen ergab sich ein Betrag von rund 2,7 Millionen Euro, den Start Niedersachsen Mitte zu zahlen hatte. Auf eine Abmahnung verzichtete die LNVG vorerst – sie folgt 2023 als nächste Eskalationsstufe, nachdem sich die Verhältnisse nicht nachhaltig verbessert hatten und es wegen mangelnder Fahrzeugverfügbarkeiten zu einem wochenlangen Totalausfall auf der Strecke zwischen Uelzen und Bremen kam, notdürftig abgemildert durch einen Ersatzverkehr mit Bussen. „Es ist ein Offenbarungseid“, kommentierte die Böhme-Zeitung. „Deutlicher lässt sich die Überlegenheit der Straße im ländlichen Raum nicht versinnbildlichen.“

Wieder ein Anfang, aber weniger Zauber

Nach der Abmahnung stand der Weg offen für die vorzeitige Kündigung des Verkehrsvertrages, der regulär erst Ende 2029 auslaufen würde. Entsprechende Forderungen an das Land wurden immer lauter, doch die LNVG wollte davon zumindest offiziell nichts wissen. Es gab Phasen relativer Stabilität auf dem Heidekreuz, die allerdings nie von Dauer waren. Die Hoffnung auf eine Wende löste sich mit der Zeit komplett in Luft auf, der Ton wurde immer rauer. „Werft Start Niedersachsen endlich raus“, forderte zuletzt der Fahrgastverband Pro Bahn.

Vielleicht wäre es so gekommen. Durch die Auflösung der Regionalverkehre Start Deutschland GmbH mit allen ihren Töchtern zum 1. August kommt die DB Regio dem zuvor. Es ist das Ende einer langen Hängepartie. Nun ist wieder Anfang, und auch ein bisschen Zauber. Pro Bahn und der örtliche Landtagsabgeordnete Sebastian Zinke (SPD) zeigen sich vorsichtig optimistisch. Aber Neben dem geflügelten Dichterwort Hermann Hesses kennt die deutsche Sprache eine weitere Redensart, die manchen in den Sinn kommen mag: „Gebrannte Kinder scheuen das Feuer“. Unter der DB Regio wird es wohl endlich W-Lan in den Zügen geben, mit vier Jahren Verspätung. Ob aber auch sonst alles besser wird, muss sich erst noch erweisen. Der Vertrauensvorschuss wird diesmal begrenzt sein.