Drohnenkrieg: Nato lernt von Ukrainern
Nachdem italienische Kampfhubschrauber das Feld bereitet haben, stößen türkische Grenadiere vor.
Nato-Übungen bedeuten in sicherheitspolitisch kritischen Zeiten zweierlei – höchste Sicherheitsstandards und Internationalität. In einem Landhotel in Winsen (Aller) müssen eintreffende Journalisten gleich mehrere Sicherheitsschleusen durchlaufen. Das Hotel ist fest in der Hand der Nato. Eine erste Begrüßung nimmt ein freundlicher polnischer Offizier vor. Es ist noch früh und so freut er sich über ein munteres „Dzien Dobre“. Er kontrolliert die Akkreditierung, gleicht die Daten mit seiner Liste ab und weist den Weg zu nächsten Station, die von deutscher Militärpolizei betreut wird. Das Gepäck ist abzulegen, sodass ein auf Sprengstoffe trainierter Hund sich abschnüffeln kann. Die dritte Schleuse beinhaltet einen Metalldetektor. Alles läuft so, wie man es von einem Hochsicherheitsflughafen kennt.
Nato übt sich in internationaler Waffenbrüderschaft
Erst dann erreichen die Journalisten den Briefingraum. Hier wird man von einem kanadischen Presseoffizier begrüßt, ein niederländischer Oberstleutnant bereitet mit einem deutschen Kameraden den Beamer vor. Derweil checkt ein französischer Offizier, ob die Journalisten auch alle ihren Passierschein sichtbar tragen. Bei Steadfast Dart übt und präsentiert sich die Nato international. Das mag zwar konsequent sein, doch oft werden Pressevertreter durch deutsche Presseoffiziere betreut.
Die Nato-Übung findet teilweise auf dem Truppenübungsplatz Bergen bei Lohheide statt. Hier wird das transatlantische Sicherheitsbündnis dann auch ein Stück weit greifbarer. Und da es die größte Nato-Übung des Jahres ist, wundert es wenig, dass das internationale Medieninteresse entsprechend groß ist. Nach dem Briefing fährt der Tross mit sieben Reisebussen zum Einsatzort auf dem Truppenübungsplatz Bergen.
13 Nationen, 10.000 Soldaten, 17 Schiffe und vieles mehr
Hier ist überhaupt alles groß. Steadfast Dart hat das Ziel, das straffe Zusammenspiel der Streitkräfte der beteiligten 13 Nationen zu üben – zunächst sollten nur sechs Nationen Einheiten entsenden. „Dann kamen immer weitere Länder dazu und sagten: Wir machen auch mit“, so ein Presseoffizier. Die Übung hat bereits im Januar mit der Verlegung von Truppen aus der Türkei und aus Italien über See in die Niederlande begonnen und dann weiter in die Lüneburger Heide. Sukzessive rückten immer mehr Einheiten am Einsatzort zusammen: Briten, Franzosen, Balten, Griechen, Tschechen, Bulgaren und andere mehr.
Mehr als 10.000 Soldaten, 17 Schiffe, 20 Flugzeuge und 1500 Fahrzeuge sind an der Übung beteiligt. Ausrichter der Übung sind die Allied Reaction Force (ARF), eine schnelle Eingreiftruppe, die über größere Distanzen verlegen kann, deren Hauptquartier bei Mailand ist und die den Auftrag hat, im Ernstfall zunächst ein Vorauskommando von 40.000 Soldatinnen und Soldaten binnen zehn Tagen an einen beliebigen Aufmarschort einzusetzen und binnen weiterer 6 Monate satte 800.000 Soldaten der Nato im Einsatzgebiet zusammenzuziehen. Das Zeitfenster wirkt lang, doch ist der logistische Aufwand zur Verlegung einer Streitkraft im Umfang einer großen Großstadt noch immer eine militärische Meisterleistung. Das war beim zweiten Golfkrieg so, als die USA 2002/2003 rund 170.000 Soldaten in Richtung Irak verlegten, und auch die Russen haben ein solches Zeitfenster 2014 benötigt, um unter dem Vorwand einer Übung ihre Invasion vorzubereiten. Das ist für die Nato kaum anders.
Ukraine hatte schon bei Hedgehog 2025 die Nato im Griff
Die Übung hält neben schnellen Bewegungen kombinierter Truppen, Knattern der MGs, dem Donnern der Artillerie und viel Rauch aber auch einige Überraschungen bereit. Die Ukraine zeigt beispielsweise Präsenz, auch wenn sie an der Übung selbst nicht beteiligt ist. Drohnenoffiziere zeigen, was sie in ihrem bereits seit vier Jahren währenden Krieg gelernt haben. Erst vor Kurzem hatten zehn Ukrainer bei der simulierten Übung Hedgehog 2025 in Estland zwei gepanzerte Bataillone der Nato ausgeschaltet. Entsprechend groß ist das Interesse der Nato am Wissenstransfer. „Die sind kriegserfahren, natürlich lernt man von Drohnenführern und Systembedienern was geht und was nicht“, so Oberst Matthias Böhnke vom Joint Force Command. Dabei gehe es weniger um Technik als vielmehr um die Nutzung derselben.
Die Nato ist dicht dran am Abnutzungskrieg in Osteuropa, beobachtet und lernt – und die mit reichlich Rüstungsgütern bestückte Ukraine spiegelt ihre Erfahrungen bereitwillig zurück. Überhaupt verläuft das internationale Miteinander während der Übung sichtbar angeregt und vielleicht sogar ein wenig inspiriert. Für alle Beteiligte lautet gleichwohl die nachdenklich stimmende Botschaft: Nach dem Krieg ist im Ernstfall vor dem Krieg. Was niemand will, möchte die Nato durch Abschreckung unterbinden. Steadfast Dart 26 soll dazu beitragen.