Historische Wand- und Deckengemälde in Gefahr
Die Altarwand, die der Rotenburger Maler und Grafiker Rudolf Schäfer, in St.-Johannis gestaltete, ist auch ein Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs in Soltau. Foto: at
Der erste Bauabschnitt der Sanierung der St.-Johannis-Kirche in Soltau wurde Mitte vergangenen Jahres abgeschlossen. Seitdem ist das historische Gebäude barrierefrei erreichbar. Außerdem wurden Gemeindesaal und Gruppenraum saniert und erhielten neue Zugänge.
Im Frühjahr kommenden Jahres sollen die Bauarbeiten fortgesetzt werden. Dann geht es an die Substanz des Gebäudes, insbesondere an eine umfassende energetische Sanierung sowie an die Restaurierung der historischen Wand- und Deckengemälde. Mehr als eine Million Euro werden dafür benötigt.
Denkmalmittel für dringende Maßnahmen
Die Hälfte davon wurde in der vergangenen Woche vom Haushaltsausschuss des Bundestags freigegeben: 520.000 Euro erhält die Gemeinde aus dem Denkmalschutz-Sonderprogramm des Bundes, das bundesweit dringend sanierungsbedürftige und bedeutende Kulturdenkmäler unterstützt.
„Wir haben mit der überregionalen Bedeutung der Liegenschaft und mit einem fachlich überzeugenden Antrag punkten können“, sagt Mathias Ernst. Damit sei ein erster wichtiger Schritt zur finanziellen Sicherung des Projekts gelungen. Ernst ist Museumschef in Soltau und erfahren in der Beantragung von Fördermitteln.
Er unterstützt den Bauausschuss der St.-Johannis-Gemeinde. Dort arbeiten die Kirchenvorstandsmitglieder Carin Kreipe, Dorothee von Felde, Carola Hüttmann und Dorothee Harbart sowie das ehemalige Mitglied Franz-Otto Wiehenstroth mit.
Eng eingebunden sind außerdem das Amt für Bau und Kunstpflege der Landeskirche sowie das Landesamt für Denkmalpflege. Von dort gab es eine klare Befürwortung der Maßnahme gegenüber dem Bund, so Ernst.
Gemälde bröselt von der Wand
Wie dringend die Arbeiten sind, zeigt ein Blick Richtung Altar. Das dortige Gemälde des Malers und Grafikers Rudolf Schäfer aus dem Jahr 1921 bröselt von der Wand. Aus der Ferne ist das kaum zu erkennen. Aus der Nähe wird jedoch deutlich, dass die Farbfassung bereits stark ausgetrocknet und teilweise pulverisiert ist. Bevor eine Reinigung möglich ist, muss die Farbe zunächst restauratorisch gesichert werden.
Etwas besser ist der Zustand des Deckengemäldes von Carl Wiederhold aus dem Jahr 1907, sagt Kreipe. Es wurde mit Ölfarben ausgeführt und soll gereinigt sowie aufgefrischt werden. Außerdem müssen Risse und Abplatzungen restauriert werden.
Warum das Projekt so teuer ist, zeigen allein die Kosten für das Gerüst im Kircheninnenraum: Für die Arbeiten an der Decke sind bereits rund 150.000 Euro eingeplant.
Ebenfalls saniert werden soll das Deckengemälde. Das Gerüst, um sichere Arbeiten gewährleisten zu können, wird alleine 150000 Euro kosten.
Sanierung der Orgel hängt von den Arbeiten in der Kirche ab
Von der Sanierung des Kirchengebäudes hängt auch die Instandsetzung der Orgel aus dem Jahr 1968 ab. An ihr wird bereits seit Jahren gearbeitet. Wegen der zu erwartenden Staub- und Schmutzbelastung steht nun jedoch fest: Zunächst muss der Innenraum saniert werden. Erst danach kann die Orgel überarbeitet werden.
Ein gewaltiger Kirchenbau mit Umbrüchen
Was den Bau zu einem herausragenden historischen Denkmal macht, ist zunächst seine Größe. „Sie war ein gewaltiger Kirchenbau. Der Kirchenraum hatte monumentale Ausmaße, flankiert von zwei Emporen an der Nordseite. Dazu kam die Orgelempore mit der gerade neu errichteten gewaltigen Orgel“, erinnerte sich der damalige Pastor Joachim Biallas in den 1970er-Jahren in einer Festschrift.
Einzigartig in der Region sei die Kirche, sagt auch Mathias Ernst, doch zugleich hat sie eine Geschichte voller Zäsuren und Umbrüche.
1907/1908 wurde die Johanniskirche auf den Grundsteinen der in der Weihnachtsnacht 1906 abgebrannten Vorgängerkirche errichtet. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde 1921 die Seitenwand zum Erinnerungsort für die Gefallenen der Gemeinde. Das Denkmal wurde durch Wandbilder und neoklassizistische Architekturmalerei ergänzt und thematisiert das Opfer.
Umbau zu Gottes- und Gemeindehaus
Den nächsten Einschnitt erlebte die Kirche 1972/73, als klar wurde, dass sie mit über 1000 Sitzplätzen zu groß für die regelmäßigen Gottesdienste war. Der Kirchenraum wurde zu einem Gottes- und Gemeindehaus umgestaltet, wobei die südliche Seitenwand mit dem Erinnerungsort in den Mittelpunkt rückte: Dort steht seither der Altar.
Ernst und die weiteren Mitglieder des Bauausschusses haben schon ein klares Bild davon, wie die Kirche nach der umfassenden Innensanierung aussehen wird. „Ich freue mich schon sehr auf das Ergebnis. Dann wird die Kirche eine ganz andere Ausstrahlung haben“, erklärt Ernst.
Ein warmer Weißton für den Innenraum
„Es wird ein schöner warmer Weißton“, sagt Catrin Kreipe über die bereits festgelegte Grundfarbe. Die restaurierten Bilder sowie Wand- und Deckenmalereien werden in satten Farben erstrahlen, darin sind sich auch Dorothee von Felde, Carola Hüttmann, Dorothee Harbart und Franz-Otto Wiehenstroth einig.
Noch ist allerdings alles anders: Die Farben wirken matt, alles, was eigentlich leuchten sollte, ist von einer grauen Schicht überzogen. Wo und wie die noch fehlenden Geldmittel eingeworben werden sollen, dazu wollen die Bauausschuss-Mitglieder aber erst konkret etwas sagen, wenn die Zusagen vorliegen. Sie hoffen, dass dies im Laufe des Jahres geschieht, damit im kommenden Jahr die Arbeiten für den zweiten Bauabschnitt in St.-Johannis beginnen können.
Neue Dämmung über dem Tonnengewölbe
Seit 2018 steht die Innenraumsanierung auf der Agenda. Dringend muss das Kirchhaus energetisch modernisiert werden: Die alte Dämmung auf dem Tonnengewölbe hat sich zersetzt und soll erneuert werden. Die kleinteiligen Fenster bleiben erhalten, die Dämmung wird voraussichtlich durch zusätzliche vorgesetzte Fensterscheiben erreicht. Dabei müssen die klimatischen Verhältnisse berücksichtigt werden, damit Orgel und Kunstwerke nicht beschädigt werden.
Auch die Beleuchtung, die aktuell viel Wärme abgibt und konservatorisch problematisch ist, soll ersetzt werden. Ebenso wird die Elektroinstallation modernisiert, um das Brandrisiko zu senken. Möglicherweise kann bereits parallel mit den Restaurierungen der Gemälde begonnen werden.
Der Kirchenvorstand mit Pastor Johannes Döhling (links) und weitere Ehrenamtliche der St.-Johannis-Gemeinde freuen sich über politische Unterstützung für das Bauprojekt durch die Bundestagsabgeordneten Vivian Tauschwitz (CDU) und Lars Klingbeil (SPD, Mitte). Klingbeil war bereits vor einigen Jahren vor Ort und besuchte die Kirche am Sonnabend erneut. „Wir wollten uns für das Engagement bedanken“, so Kirchenvorstandsmitglied Dorothee von Felde (3. von links). Statt der geplanten 10 blieb der Vizekanzler rund 45 Minuten. Denn in der Kirche waren zudem zum Konfitag viele junge Leute: „Da war Leben in der Kirche.“
Empore wird abgesichert
Die Empore soll zudem mit einer höheren Balustrade sicherer werden, ohne Akustik und Sichtachsen zu beeinträchtigen. Ansonsten bleibt die Aufteilung des Kirchengebäudes unverändert. „Das, was 1972 umgestaltet wurde, war sehr innovativ“, stellt von Felde fest.
Seitdem erfüllt die Kirche drei Funktionen: als Gemeindezentrum, Sakralbau und Ort für musikalisch-kulturelle Veranstaltungen. „Diese Vielschichtigkeit mit ihrem Spannungsreichtum gilt es zu bewahren“, erklärt Ernst. Dazu gehört auch die Einordnung des Kriegsgedenkens unter heutigen Gesichtspunkten, ohne die eigene Geschichte auszuradieren.
Kein Museum, sondern auch ein Kulturraum
„Mit Blick auf die nächsten 40 bis 50 Jahre wollen wir hier kein Museum, sondern einen Ort, an dem Menschen aus Soltau und den umliegenden Dörfern zusammenkommen“, betont Wiehenstroth.
Von Felde ergänzt, dass das Gebäude als Veranstaltungs- und Kulturstätte überregional von Bedeutung ist: „So etwas brauchen wir hier, gerade auch mit Blick auf unseren jungen Kantor Manuel Behre und seine Projekte. Es ist eine große Chance für St.-Johannis und für Soltau.“