Unruhe um neue Gasbohrungen

Bis an die nördliche Grenze der Ortschaft Dorfmark reicht der Protest der Bevölkerung gegen die Erdgasbohrung im Bereich Kroge. Foto: at

In knapp einer Stunde hat der Kreistag am vergangenen Freitag seine Tagesordnungspunkte bei seiner Sitzung im Kreishaus abgearbeitet. Dabei gab es keine Diskussionen und durchgehend Zustimmung.

Dennoch war die Sitzung durch aktuelle Entwicklungen überschattet, die Landrat Jens Grote sehr deutlich als „Vertrauensbruch“ einordnete und die voraussichtlich langfristige Auswirkungen auf den Heidekreis haben werden. Die deutsche Tochter des kanadischen Erdgasunternehmens Vermilion Energy verstärkt ihr Vorgehen insbesondere im Bereich der Erdgaslagerstätte Wisselshorst im Raum Kroge bei Walsrode (BZ vom 13. März).

Zunächst gehe es um zwei Teilfeldsuchbohrungen, die 2027 abgeteuft werden sollen. Der Landrat machte aber keinen Hehl daraus, dass er fürchtet, dass deutlich mehr passieren könnte.

Denn die eigentliche Betriebsstätte könne voraussichtlich nicht von einer Stelle aus erreicht werden, sodass verschiedene Nadelstiche, also weitere Bohrungen, gesetzt werden müssten und die Betriebsstätten dicht an die Wohnbesiedlung heranrückten.

Bislang gute Kommunikation, nun vollendete Tatsachen

Bislang, so Grote, habe es mit dem Unternehmen eine grundsätzlich gute und frühzeitige Kommunikation hinsichtlich der Betriebsstätten in Krone und Wietzendorf sowie Bürgerdialoge gegeben. Die Schritte seien grundsätzlich transparent gewesen: „Da waren keine Überraschungen dabei“, sagte Grote.

Jetzt allerdings habe das Unternehmen diekommunale Ebene bei neuen Planungen überraschend vor vollendete Tatsachen gestellt, erklärte er. Anfang des Monats habe ein Vertreter von Vermilion die Walsroder Bürgermeisterin Helma Spöring und ihn in einem Gespräch darüber informiert, dass die Erdgaslagerstätte Wisselshorst im Raum Kroge deutlich umfassender erkundet werden solle als bisher geplant – ohne vorherige Abstimmung mit der Kommune oder dem Landkreis.

Seit jeher kritisches Thema

Im Landkreis werde das Thema seit jeher kritisch begleitet. Insbesondere mögliche Umweltfolgen, Belastungen für Anwohnerinnen und Anwohner sowie Fragen des Klimaschutzes spielten eine wichtige Rolle in der Debatte, erklärte Grote.

Angesichts einer geänderten Weltlage und einer globaleren Sichtweise auf den Klimaschutz rücke die Gasförderung vor Ort verständlicherweise mehr in den Fokus, räumte der Landrat ein. Schon früher sei deshalb diskutiert worden, ob eine Förderung vor Ort möglicherweise sinnvoller sei als der Import von Gas über lange Transportwege.

Der Heidekreis habe die bisherigen Projekte gemeinsam mit den betroffenen Kommunen zwar kritisch, aber konstruktiv begleitet. Dabei habe der Landkreis selbst keine Entscheidungskompetenz. „Wir haben überhaupt nichts zu entscheiden in der Sache“, stellte Grote klar. Der Kreis sei lediglich als Beteiligter im Genehmigungsverfahren eingebunden, etwa über seine Wasser- und Naturschutzbehörden.

Erhebliche Erdgasvorkommen

Nach Angaben des Unternehmens könnten sich in der Struktur erhebliche Erdgasvorkommen befinden. Die Walsroder Zeitung berichtete von möglichen Fördermengen von bis zu 30 Milliarden Kubikmetern. Diese Zahl könne er jedoch nicht bestätigen, sagte Grote. Gegenüber dem Landkreis habe das Unternehmen lediglich von „erheblichen Mengen“ gesprochen.

Um die Dimension einzuordnen, verwies der Landrat auf Vergleichswerte. Beim umstrittenen Gasfeld vor der Insel Borkum wird von rund 13 Milliarden Kubikmetern ausgegangen. Insgesamt wurden im Jahr 2024 in Niedersachsen etwa 4,1 Milliarden Kubikmeter Erdgas gefördert – rund 98 Prozent der deutschen Gesamtproduktion. Außer den zwei Erkundungsbohrungen sei in dem Gespräch von weiteren möglichen Bohrungen die Rede gewesen, so der Landrat.

Rechtlich im Rahmen des Erlaubten

Rechtlich bewege sich das Unternehmen im Rahmen der geltenden Genehmigungen des Landes. Grote kritisierte aber die Art der Kommunikation. Grundstückseigentümer seien direkt angesprochen worden, ohne dass die Kommune informiert worden sei.

Dies könne in einer Region, in der die Akzeptanz für Gasförderung ohnehin begrenzt ist,zusätzlichen Widerstand auslösen. Zudem könnten mögliche weitere Bohrungen zusätzliche Belastungen für die Bevölkerung mit sich bringen, zumal in der Region bereits andere Infrastrukturprojekte diskutiert würden, etwa Vorrangflächen für Windenergie.

Der Heidekreis will das weitere Verfahren deshalb genau beobachten. Die Kreisverwaltung werde ihre Bedenken im Rahmen der Genehmigungsverfahren beim Land einbringen, kündigte Grote an. Die Klimaziele des Landkreises selbst würden durch eine mögliche Gasförderung allerdings rechnerisch nicht beeinflusst. Für die Zielerreichung werde lediglich der Energieverbrauch vor Ort berücksichtigt, nicht die Förderung fossiler Energieträger. „Das macht es nicht schöner“, sagte der Landrat.

Erdgasförderung Wietzendorf und Kroge

Im Heidekreis in der Lüneburger Heide wird seit mehr als 50 Jahren Erdgas gefördert. Insgesamt wurden 456 Bohrungen abgeteuft, davon rund 300 für Erdöl. Bedeutende Lagerstätten befinden sich unter anderem in Idsingen, Hamwiede, Söhlingen, Soltau und Walsrode. Zwei Drittel der alten Bohrungen sind inzwischen stillgelegt.

Aktuell produziert Vermilion Energy Germany erfolgreich an der Bohrung „Osterheide Z2“ in Wietzendorf. Die Neubohrung auf dem bestehenden Förderplatz wurde 2023/24 abgeteuft, erschließt einen bislang ungenutzten Bereich der Lagerstätte und erreicht eine Tiefe von 4.640  Metern. Das geförderte Gas soll rechnerisch rund 20.000 Haushalte pro Jahr versorgen können. Die Aufbereitung erfolgt direkt auf dem bestehenden Platz, ohne zusätzliche Flächen zu beanspruchen.

Parallel wird die Bohrung „Wisselshorst Z1a“ zwischen Bomlitz und Kroge vorbereitet. Sie soll im Sommer 2026 Gas ins öffentliche Netz einspeisen. Die Bohrung wurde Ende 2024 abgeteuft und getestet; seit September 2025 wird sie ans Netz angeschlossen. Eine Gastrocknungsanlage bereitet das Gas auf. Für 2027 sind zwei weitere Suchbohrungen geplant. Alle Arbeiten erfolgen ohne Fracking, unter strengen Umwelt- und Arbeitsschutzauflagen, und ein Nachbarschaftsfonds unterstützt lokale Projekte.