Erste Munition aus Ostsee bei Geka entsorgt
Aus einer aufgesägten Granate presst ein Geka-Mitarbeiter mit hohem Druck den Sprengstoff heraus – eine Grundvoraussetzung für die sichere Delaborierung größerer Kaliber. Foto: bk
In Munster ist ein wichtiger Schritt im Umgang mit Weltkriegsmunition aus der Ostsee erfolgt: Auf dem Gelände der Geka wurde erstmals geborgene Munition aus einem aktuellen Pilotprojekt systematisch untersucht und für die Vernichtung vorbereitet.
Die Munition, die das Entsorgungsunternehmen erreicht hat, stammt aus Bergungsarbeiten vor Boltenhagen in der Mecklenburger Bucht, konkret aus einem Versenkungsgebiet bei Großklützhöved nahe dem Wrack „132“. Dort wurden rund fünf Tonnen Altmunition geborgen, darunter vor allem 12,8-cm-Sprenggranaten aus dem Zweiten Weltkrieg sowie offenliegendes Treibladungsmaterialien.
Ein Teil der Funde – rund 1,6 Tonnen in vier Kisten – wurde zur weiteren Behandlung nach Munster transportiert. Zwei Kisten enthielten etwa 50 Sprenggranaten, zwei weitere bestanden aus Treibladungspulver, das bereits durch Korrosion aus den Granaten ausgetreten war.
Bei der Geka wurden die Munitionskörper zunächst kontrolliert zersägt, der enthaltene Sprengstoff anschließend mithilfe hydraulischer Verfahren entnommen. Insgesamt wurden 50 Proben à 50 Gramm gesichert und für weiterführende Analysen vorbereitet. Die verbleibenden Materialien wurden bis zur endgültigen Entsorgung zwischengelagert und inzwischen in speziellen Sprengöfen thermisch vernichtet.
Parallel dazu wurden die Proben im Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie (ICT) analysiert. Das geschieht, um die Eigenschaften des Sprengstoffs nach jahrzehntelangem Verbleib im Meer zu bestimmen. „Die Inhaltsstoffe waren ungewöhnlich schwarz im Randbereich“, beschreibt Philipp Hölschele, der Leiter Delaborierung. Wegen der Farbgebung sei unklar gewesen, ob es sich um Schwerspat oder Sprengstoff gehandelt habe.
Dabei kommen standardisierte Verfahren wie Fallhammer- und Reibtests zum Einsatz. Diese untersuchen, wie empfindlich der Sprengstoff auf mechanische Einwirkungen reagiert – sowohl im trockenen als auch im feuchten Zustand. Die Ergebnisse sind entscheidend für die Entwicklung sicherer Verfahren im industriellen Maßstab.
Bedeutung für das Sofortprogramm
Die aktuellen Arbeiten sind Teil des bundesweiten Sofortprogramms „Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee“. Dieses verfolgt das Ziel, große Mengen versenkter Munition künftig effizient und sicher zu bergen und zu entsorgen.
Die Untersuchungen bei Geka und dem Fraunhofer-Institut ICT liefern dafür eine zentrale Grundlage: Sie klären, wie stabil oder gefährlich die gealterten Sprengstoffe tatsächlich sind und wie automatisierte Prozesse gestaltet werden können, ohne Risiken für Personal und Umwelt einzugehen.
Im Kern geht es um eine entscheidende Frage für die Zukunft der Munitionsräumung: Wie robust lassen sich jahrzehntealte Sprengstoffe handhaben, ohne unkontrollierte Reaktionen auszulösen? Die gewonnenen Erkenntnisse fließen direkt in die Planung einer schwimmenden Entsorgungsplattform ein, mit der die Altmunition künftig direkt auf See im großen Maßstab beseitigt werden soll. Die Geka will sich daran beteiligen.
Es geht um 1,6 Millionen Tonnen Altlasten
Auf dem Grund von Nord- und Ostsee liegen rund 1,6 Millionen Tonnen konventioneller Munition aus dem Zweiten Weltkrieg, die nach 1945 gezielt entsorgt wurden. Durch fortschreitende Korrosion zerfallen die Hüllen zunehmend, wodurch giftige Sprengstoffverbindungen wie TNT freigesetzt werden. Diese Stoffe wurden bereits in Meeresorganismen wie Muscheln und Fischen nachgewiesen und können langfristig in die menschliche Nahrungskette gelangen. Mit dem Sofortprogramm „Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee“ will die Bundesregierung die Altmunition systematisch bergen und umweltgerecht entsorgen. Perspektivisch ist der Bau einer weltweit neuartigen schwimmenden Industrieanlage geplant, die eine großflächige Bergung und Entsorgung direkt auf See ermöglichen soll.