„Entweder ganz links oder ganz rechts“

Volles Haus: Insgesamt neun Parteien präsentieren sich mit Ständen in den BBS Soltau und suchen das Gespräch mit jungen Berufsschülern. Foto: ari

Wenig Interesse an den gemäßigten Parteien der politischen Mitte, stattdessen starke, nach Geschlechtern getrennte Sympathien für Rechtsaußen (Jungs) oder Linksaußen (Mädchen), und keine Lust mehr auf die bei Erstwählern lange Zeit tonangebenden Grünen: Was Jugendforscher und Demoskopen zu den Parteipräferenzen der „Generation Z“ sagen, lässt aufhorchen. Beim „Tag der Parteien“ an den Berufsbildenden Schulen in Soltau (BBS) bestätigen sich viele der Thesen auf fast schon lehrbuchhafte Art und Weise. Zu beobachten sind Berufsschüler, die politisch vieles zu trennen scheint. Geht ein Riss durch diese Generation? So fühlt es sich nicht an, wenn man mit ihnen spricht. Wohl deshalb, weil die meisten Politik und Parteien am Ende nicht so ernst nehmen. Sorge um die Demokratie äußert hier niemand. Und die AfD? Kann man wählen. Oder hassen.

In der Aula bot sich ein buntes und ziemlich ungewöhnliches Bild. Die Schülerschaft hatte im Rahmen der BBS-Europawoche die Möglichkeit, politische Parteien einzuladen. Die eigentlich zur politischen Mäßigung verpflichtete staatliche Schule bot an diesem einen Tag eine Bühne, auf der sich auch kleine, schrille und radikale Parteien präsentieren durften. „Einzige Vorgabe war die Einladung aller im Landtag vertretenen Parteien“, erklärt Politiklehrer Kai Lichte. Wer sonst noch kommen darf, konnten die Juniorbotschafter der BBS frei entscheiden.

Und so war natürlich auch die Linke mit am Start, die bei der vergangenen Bundestagswahl mit Abstand beliebteste Partei der Erstwähler. Aber auch das BSW, die FDP sowie Volt und die Satirepartei Die Partei waren eingeladen und hatten Vertreter entsendet. In Schüben fluteten Klassenverbände das Foyer, in dem die Parteien dicht an dicht ihre Stände aufgebaut hatten. Viele waren noch minderjährig, nicht alle haben einen deutschen Pass. Bei den im September anstehenden Kommunalwahlen muss beides kein Hindernis sein. Das Wahlalter ist auf 16 Jahre abgesenkt, auch EU-Bürger dürfen ihre Stimme abgeben. Es war somit durchaus ernsthafter Wahlkampf angesagt, auch wenn Politiklehrer Lichte das gerne anders gesehen hätte.

Kommunale Kandidaten der Parteien suchen das Gespräch mit Erstwählern

Es gehe bei der jährlichen Veranstaltung mit den Parteien nicht um Kommunalpolitik, erklärte er tapfer, während an den Ständen auffallend viele Kandidaten das Gespräch mit jungen potenziellen Wählern suchten. Die Landratskandidaten Sebastian Zinke (SPD) und Dr. Arne Wieben (CDU) waren gekommen, ebenso der AfD-Bürgermeisterkandidat Christoph Weynand aus Munster und verschiedene Listenkandidaten für Gemeinde- und Stadträte sowie den Kreistag.

Manche der erfahreneren Politiker äußerten sich hinter vorgehaltener Hand erstaunt über das geringe Wissensniveau vieler Jugendlicher. Sie bekamen offenbar teils recht naive Fragen gestellt und fanden nur schwer in tiefgründigere Gespräche. Ein gelangweilt am Rande sitzender Zimmermann-Azubi, in der Hand einen blauen AfD-Ballon, bestätigt freimütig das Klischee. Politik interessiere ihn wenig, er habe sich die Stände der Parteien nur kurz angeschaut, erklärt der 17-Jährige. Den Ballon habe er beiläufig mitgenommen, AfD-Anhänger sei er nicht. Den Gedanken, dass ein solcher Ballon irgendwie problematisch sein könnte, kann er nicht nachvollziehen. Für ihn ist die AfD eine ganz normale Partei. Viele seiner Kollegen stünden politisch rechts. „Entweder ganz links oder ganz rechts“, umschreibt sein neben ihm sitzender gleichaltriger Kumpel die Stimmungslage ihrer Generation. Nur Leute, die sich intensiv mit Politik auseinandersetzen, tendieren zur Mitte, mutmaßt er.

Vereint in Unzufriedenheit

Die Stände von AfD und Linken waren zeitweise stark umringt, was aber nicht nur Zustimmung signalisierte. Manche Jugendliche hatten sich provokante „FCK NZS“-Aufkleber an die Kleidung geheftet und suchten das kritische Gespräch mit den rechten Parteivertretern, zu denen auch der Ex-Lehrer und heutige AfDLandtagsabgeordnete Alfred Dannenberg aus Walsrode zählte. Die Satirepartei hatte am Stand nebenan ein Kleinformat ihres berüchtigten „Hier könnte ein Nazi hängen“-Plakats aufgehängt. Laut oder aggressiv wurde es aber nicht. Für einen unfreiwillig komischen Moment sorgte die Polizei, als sie Kandidat Weynand vom AfD-Stand „abführte“, weil dieser dringend sein Auto umzuparken hatte.

Wer ein bisschen Zeit mitbrachte, konnte an den Parteiständen auch Gespräche miterleben, die nicht in erwartbaren Bahnen verliefen. So etwa, als ein 17-Jähriger entschlossen den FDP-Kreisvorsitzenden Michael Kühnel ansprach. Er sei selbst stark daran interessiert, in eine Partei einzutreten, erklärte der junge Portugiese und zeigte sich aufgeweckt und informiert. Links und grün möge er gar nicht, eher schon die CDU, deren Politik auf Bundesebene ihm aber gleichfalls nicht gafalle. „Mit der FDP kenne ich mich so gar nicht aus, was will die Partei?“

Es war eine schöne Vorlage, die Kühnel nicht für platt Parteiwerbung, sondern eine liberale Standortbestimmung nutzte. Weil dabei Begriffe wie Rechtsstaatlichkeit und soziale Marktwirtschaft fielen, ordnete der Schüler die FDP prompt als „eher linke Partei“ ein – was wiederum Kühnel so nicht stehenlassen wollte. Es wurde ein interessantes und lehrreiches Gespräch zwischen den Generationen, das auch aufzeigte, wie sich Begriffe verändert haben. Für den Jugendlichen fängt der linke politische Raum offenbar schon da an, wo es um ein Bekenntnis zum Sozialstaat statt zu Kapitalismus pur geht. Tatsächlich bemängelte er, dass Ältere sich oft nicht deutlich ausdrücken würden und klare Wörter wie „Kapitalist“ meideten. In der AfD erkannte er eine normale, lediglich „etwas radikalere“ Partei. Das zog sich durch viele Gespräche. Junge Menschen kennen das alte demokratische Parteiensystem nicht mehr. Für sie gehören extreme Parteien ganz selbstverständlich dazu.

Auch eine Gruppe von Bankkaufmann-Azubis, die etwas älter und reifer als der Durchschnitt wirkte, bestätigt den Eindruck. Die AfD gehöre „zum Parteienbild dazu“, sagt einer von ihnen. Alle stimmen sofort zu, dass junge Männer nach rechts und Frauen nach links tendieren würden. Gemeinsam sei beiden Gruppen die große Unzufriedenheit mit der Politik der Bundesregierung – der aktuellen wie der vorherigen. „Alles wird immer teurer“, fasst einer seinen Eindruck zusammen. Reformen dauerten ewig, erklärt er unter Verweis auf die Aktienrente. Dass die funktioniere, sehe man in Skandinavien. Aber in Deutschland werde immer nur geredet.

Eine junge Frau skizziert, wohin die Akzeptanz der AfD als „normale Partei“ bei gleichzeitig stetig zunehmender Verzweiflung an der angeblichen Unfähigkeit der wechselnden Koalitionsregierungen ihrer Einschätzung nach fast automatisch führe. Man wähle sich „im Ausschlussverfahren“ durchs Parteienspektrum. Und irgendwann bleibe die AfD übrig, weil nur sie ihre Unfähigkeit zum Regieren noch nie unter Beweis hat. gestellt hat.