Hupen, Schneiden, Ausbremsen
In der Winsener Straße in Soltau ist gibt es zwischen Kreisverkehr und Brauhaus keine Möglichkeit, zum Überholen – auch nicht von Radfahrern. Ein Lkw-Fahrer tat es trotzdem.
462 Menschen sind im vergangenen Jahr in Deutschland beim Fahrradfahren im Straßenverkehr ums Leben gekommen. Die Zahl ist erneut gestiegen. Nur in etwa drei von zehn Unfällen trugen die Radfahrer die Hauptschuld.
Bei zwei Dritteln aller Fahrradunfälle mit Personenschaden war ein weiterer Verkehrsteilnehmer beteiligt, in der überwiegenden Mehrheit saß dieser in einem Auto, wie die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen.
Krasse Zahlen, keine Wirkung
Es sind Zahlen, die eine deutliche Sprache sprechen. Sie stehen allerdings im Kontrast zu einem Alltag, in dem viele gefährliche Situationen, in die Radfahrer verwickelt sind, für die Autofahrer offenbar folgenlos bleiben.
„Mit zitternden Knien“
Hannah Lahmann aus Soltau hat dafür gleich zwei Beispiele aus eigener Erfahrung. Im Dezember vergangenen Jahres wird sie gemeinsam mit einem weiteren Radfahrer auf der Winsener Straße von einem Lkw zunächst angehupt, dann extrem eng überholt und schließlich kurz vor dem Überweg geschnitten. Beide müssen abrupt anhalten. „Ich habe mit zitternden Knien da gestanden“, erzählt die 33-Jährige und zeichnet auf Fotos die Situation nach.
Die beiden Radfahrer seien ganz rechts auf der Straße stadtauswärts gefahren: Rechtskonform, schickt sie vorweg. Wären sie auf dem für Radfahrer freigegebenen nebenliegenden Gehweg gefahren, hätten sie das nur in Schrittgeschwindigkeit gedurft. Sie wollten aber vorankommen.
Kurz vor dem Brauhaus und vor dem Fußgängerüberweg ereignete sich die nach ihrer Einschätzung rechtswidrige Situation mit dem Lkw-Fahrer. „Er hätte ja innerorts nicht einmal hupen dürfen“, sagt sie. Das allerdings tat er. Sie habe sich erschreckt und sei natürlich mit dem Fahrrad kurz geschlenkert. Hätte sie die Hand ausgestreckt, hätte sie das Fahrzeug berühren können, so nah sei der Lkw gewesen.
Klare Nötigung aus Sicht der Radfahrerin
Außerdem war der Fahrer selbst Soltauer, habe also die Situation mit dem Überweg gekannt, vor dem er habe wieder einscheren müssen. Für sie war das daher klare Nötigung.
Für die Staatsanwaltschaft allerdings nicht: „Als ich den Brief bekommen habe, musste ich erst einmal heulen, so frustriert war ich.“ Die Ermittlungsbehörde hatte das Verfahren eingestellt. Begründung: Nicht jedes verkehrswidrige Verhalten sei automatisch „verwerflich“, hieß es. Außerdem stehe „Aussage gegen Aussage“.
Teilweise das Gefühl Freiwild zu sein
Ihr Vater Jürgen Rust, der wie Lahmann in Sachen Radfahren vielfältig in Soltau engagiert ist, sieht die Radler in Soltau als eine Art Freiwild oder wahlweise der eigenen Ohnmacht nahe, weil man so machtlos sei.
Dabei sei im Jahr 2020 die Straßenverkehrsordnung extra novelliert worden, um die schwächsten Verkehrsteilnehmer zu stärken. Doch noch immer, so sagt auch Lahmann, bleibe eine wenn auch zum Glück auch nur haarscharfe Begegnung zwischen einem 70-Tonner und einem im Vergleich fliegenleichten Radfahrer dennoch ohne Folgen.
Zum Glück trug sie einen Helm
Und nur wenige Wochen später, im Januar, kam es in der Bahnhofstraße in Soltau zum nächsten Vorfall. Vom Bahnhof aus in Richtung Kirche macht die Straße dort eine lange Biegung. In dieser eher unübersichtlichen Kurve wurde Lahmann von einem Auto überholt. Doch in dem Augenblick kam diesem Gegenverkehr entgegen: „Da hat er gemerkt, das wird eng, und hat mich abgedrängt“, erzählt die junge Frau. Sie knallte trotz heftigem Bremsen auf ein parkendes Fahrzeug und stürzte mit dem Kopf auf den Bordstein. Zum Glück trug sie einen Helm.
Nein, touchiert worden sei sie von dem Autofahrer nicht, aber abgedrängt in eine Parklücke. Als sie später bei der Polizei anrief, gab es aus ihrer Sicht die nächste Hiobsbotschaft: Die Beamtin am Telefon sah keinen Anlass für weitere Ermittlungen. Eine Nötigung sah die Polizei nicht – unter anderem, weil die Situation nur von kurzer Dauer gewesen sei. „Der Vorgang ist im Sande verlaufen“, ist Lahmann noch immer geschockt.
In der Bahnhofstraße in Soltau wird am Fahrbahnrand geparkt. Zwei Fahrzeuge können sich dennoch dort begegnen. Ist ein Radfahrer gleichzeitig unterwegs, reicht der Platz allerdings nicht mehr zum Überholen.
Kein Platz für Radfahrer
Im Nachhinein hat sie sich vor Ort in der Bahnhofstraße noch einmal ein Bild von der Situation gemacht und dafür ein Maßband mitgenommen.
Die Messungen zeigen: Ein regelkonformes Überholen ist an dieser Stelle kaum möglich. Der vorgeschriebene Mindestabstand von 1,50 Metern lasse sich unter realen Bedingungen nicht einhalten. Ziehe man nur das parkende, die beiden fahrenden Pkw und die 65 Zentimeter ihres Fahrradlenkers von der Breite von 8,10 Meter der Fahrbahn ab, blieben nur noch 1,45 Meter übrig.
Abgerechnet werden müssten aber noch die jeweiligen Abstände zwischen Bordsteinen, den Autos, dem Radfahrer und so weiter. Für einen Radfahrer bleibe dazwischen eigentlich kein Platz.
Zudem müssten die Radfahrer immer damit rechnen, dass bei einem parkenden Pkw die Tür geöffnet werde, die sogenannte Dooring-Gefahr. Auch dieser Abstand sei daher für Radfahrer lebenswichtig. „Die Autofahrer dürfen also nur überholen, wenn sie den Abstand einhalten und sehen können, dass ihnen kein Auto entgegenkommt. Das aber war in der Bahnhofstraße nicht möglich. Zudem geht es dort leicht bergauf.“
Keine Einzelfälle
Für Lahmann und Rust sind die geschilderten Geschehnisse keine Einzelfälle. In der Initiative „Soltau fährt Rad“ häuften sich ähnliche Berichte: dichtes Überholen, Hupen, Schneiden, Ausbremsen. Und auch andere Betroffene hätten den Eindruck, dass solche Situationen selten Konsequenzen hätten.
Da stehe Aussage gegen Aussage oder man bescheinige kein öffentliches Interesse: „Wir strampeln und kämpfen. Wir wollen Radfahrer sichtbarer und Radfahren sicherer machen. Aber es ändert sich nichts“, so das Resümee Lahmanns zu ihrem Engagement in der Radgemeinschaft.
„Radverkehr gehört auf die Straße“
Dazu gehöre auch, dass der Radverkehr auf jeden Fall innerhalb der Ortschaften auf die Straßen gehöre. „Wir haben das Recht, und wir wollen auf den Gehwegen nicht die Fußgänger verdrängen und auch gefährden“, betonen beide Gesprächspartner.
Abgetrennte Radfahrschutzstreifen seien in dieser Situation allerdings eine Fehlidee, so ordnet es Jürgen Rust nach seinen Erfahrungen ein. Alleine durch die aufgepinselte Abgrenzung seien die Autofahrer der Meinung, die 1,50 Meter Abstand nicht einhalten zu müssen. Eine Banneraktion des ADFC dazu habe es gegeben, allerdings einmalig, wundert sich Rust noch immer. Die Stadt habe das Aufhängen der Hinweisbanner nicht mehr unterstützt.
Forderung nach mehr Aufklärung
Doch was wäre die Alternative: „Viel mehr Aufklärung, viel mehr Öffentlichkeitsarbeit“, finden beide. Dabei gehe es beispielsweise auch um Mülltonnen auf Rad- und Gehwegen, darum auf der Straße auch als Radfahrer zügig voran kommen zu wollen. „Wir machen das nicht, um die Autofahrer zu ärgern.“
Frustriert sind beide auch im Hinblick auf das Soltauer Verkehrskonzept. Das liege nun vor, passiert sei aber nichts. Auch kleinste Vorschläge würden einfach nicht umgesetzt, verweisen sie auf die Einfädelungsspur bei ehemals Schütte: „Wir haben das Gefühl, das Ding liegt schon in der Schublade.“
Auch die Situation am Alten Stadtgraben lässt sie nur noch mit dem Kopf schütteln, wo der Radweg aufgrund der maroden Brücke gesperrt ist. Seit Monaten endet der Weg dort abrupt, eine Umleitung gibt es nicht. Fahrradfahrer müssen sich selbst behelfen.
Unfälle im Heidekreis gesunken
Gleichzeitig zeigt sich im lokalen Vergleich ein anderes Bild: Im Heidekreis ist die Zahl der Verkehrsunfälle mit Radfahrern zuletzt sogar leicht gesunken – von 187 im Jahr 2024 auf 174 im vergangenen Jahr. Auch kam dort kein Radfahrer ums Leben. Dennoch wurden 15 Menschen schwer und 134 leicht verletzt.
Die Entwicklung wirkt auf den ersten Blick also positiv. Doch sie relativiert sich schnell: Auch dort bleibe das Risiko im Alltag hoch, und schwere Verletzungen sind weiterhin Realität. Nicht umsonst hat das Präventionsteam der Polizei aktuell geführte Fahrradtouren für E-Bike oder genauer Pedelec-Fahrer im Programm, um vor Ort gefährliche Verkehrssituationen zu erklären.
Seit 2015 Unfälle deutlich gestiegen
Bundesweit zeigt sich ohnehin eine andere Tendenz. Die Zahl der tödlich verunglückten Radfahrer steigt seit Jahren, seit 2015 um 20,6 Prozent. Was im Alltag oft als kurzer, scheinbar alltäglicher Verkehrsverstoß bewertet wird, endet statistisch immer wieder tödlich – oder eben wie im Fall von Hannah Lahmann ganz knapp ohne Personenschaden.
„Wir merken nicht, dass der Radverkehr privilegiert ist. Ich habe keine Lust mehr, beleidigt oder zu eng überholt zu werden“, sagt Lahmann. Sie wolle weiter mit dem Fahrrad fahren, aber sich zumindest vorerst nicht mehr bei „Soltau fährt Rad“ engagieren. „Ich habe keinen Kampfgeist mehr.“