Nach Zusammenstoß auch noch beleidigt
Familienleben unter erschwerten Bedingungen: Sara Lundin mit Mann Leo und Sohn Kjell. Foto: ari
Den Pfingstsonnabend 2026 wird Sara Lundin wohl nie mehr vergessen. Es war sonnig und ungewöhnlich warm an diesem 23. Mai, und zunächst sah für die 38-Jährige alles nach einem schönen langen Wochenende im Kreis der Familie aus. Bis 15.25 Uhr, um genau zu sein.
Sara Lundin wollte zu Fuß vom Edeka-Parkplatz an der Bahnhofstraße im Stadtzentrum Schneverdingens rüber zum Bahnhof, wo in Kürze ihre Mutter mit der Regionalbahn eintreffen würde. „Es ging alles so schnell“, sagt sie, auf ihrer Terrasse im Rollstuhl sitzend. Plötzlich sei ein Radfahrer da gewesen, er fuhr auf dem Gehweg in Richtung Innenstadt, direkt auf sie zu. Ein hektisches Bremsmanöver und einen rumgerissenen Lenker später schien die Sache gerade noch einmal glimpflich ausgegangen zu sein. Der E-Bike-Fahrer kommt wenige Meter von der Frau entfernt zum Stehen, er schimpft. Aber beide sind unverletzt. Ein Zusammenstoß war in buchstäblich letzter Sekunde abgewendet worden. Den Schrecken noch in den Gliedern, versucht Sara Lundin, die Situation zu erfassen. Sie blickt zum weiter pöbelnden Radfahrer und wird innerlich ganz klein. „Ich habe mich wahnsinnig geschämt“, sagt sie rückblickend. Dass sie den Beinahe-Unfall verschuldet hat, schien ihr in diesem Moment eindeutig, ein anderer Gedanke kam ihr gar nicht in den Sinn. Sie neige eben dazu, Fehler vor allem bei sich selbst zu suchen, erklärt sie etwas zerknirscht. „Meine Schwäche.“
Viel Zeit zum Nachdenken oder für eine angemessene Reaktion auf die Beleidigungen des Radfahrers bleibt ihr aber auch nicht. Nur Sekunden nach dem Fast-Unfall, kommt es doch noch dicke. Weil Sara Lundin noch unter Schock stehend den wütenden Mann mit Fahrradhelm anschaut und innerlich damit beschäftigt ist, ihre Gedanken und Schuldgefühle zu ordnen, bemerkt sie gar nicht, dass er nicht alleine unterwegs ist. Mutmaßlich seine Partnerin fährt ihm hinterher, ebenfalls mit Helm und E-Bike. Sie geht hart in die Bremse, aber ihr Vorderrad fährt auf Sara Lundins rechtes Knie auf und bringt sie zu Fall. Glücklicherweise fällt sie nicht auf die vielbefahrene Straße, sondern in eine leere Parkbucht. Die beiden Frauen kommen kurz ins Gespräch und versichern sich gegenseitig, dass ihnen nichts passiert sei. Das Angebot der Radfahrerin, die Feuerwehr anzurufen, lehnt Sara Lundin ab. Sie fühlt keinen Schmerz, ihre Kleidung ist unversehrt, kein Blut, kein blauer Fleck. Der Mann hält weiter Abstand und wirkt genervt, die Gestürzte erinnert sich an den Begriff „blöde Tussi“. Sie hat den Eindruck, dass er endlich weiter wolle.
Angelehnt an die Wand des Supermarktes, weiterhin auf dem Boden sitzend, lassen die beiden Radfahrer sie schließlich allein zurück, ohne Kontaktdaten zu hinterlassen. Sara Lundin hat danach auch nicht verlangt, sie glaubt zu diesem Zeitpunkt immer noch, an allem Schuld gewesen und nicht verletzt zu sein. Sie ruft erst ihren Mann Leo an, der zunächst gar nicht begreift, was los ist. „Ihre Worte waren wirr“, berichtet er. Begonnen habe sie das Gespräch mit der Bemerkung, dass sie „etwas Dummes gemacht“ habe.
Als ihr Mann am Unfallort eintrifft, lässt der Schockzustand langsam nach – und Sara Lundin fühlt nun doch Schmerzen, kann nicht einfach so aufstehen und herumlaufen. Nach einer kleinen Odysee durch zwei Soltauer Kliniken, die beide keine Notaufnahme (mehr) unterhalten – das Ehepaar stammt ursprünglich aus Berlin und lebt erst seit rund einem Jahr in der Schneverdinger Ortschaft Insel und kennt die Besonderheiten der lokalen Versorgungslandschaft noch nicht – fährt ihr Mann sie schließlich ins Krankenhaus im Nachbarlandkreis Rotenburg.
Operation und Knochen-Transplantation
„Da bekam ich die niederschmetternde Diagnose“, berichtet die Erzieherin und Mutter eines 12 Monate alten Säuglings: Tibiakopffraktur, ein Trümmerbruch des rechten Schienbeinkopfes. „Nur noch Brösel“, habe die Oberärztin gesagt, erinnert sich Leo Lundin. Seine Frau hat nun wahnsinnige Schmerzen. Am Dienstag nach Pfingsten wird ein CT gemacht, das Paar findet zum Glück einen niedergelassenen Arzt, der spontan einen Termin anbieten kann. Es folgen eine Operation und die Transplantation von Fremdknochen.
Sechs Wochen darf Sara Lundin, die sich im Mutterschaftsurlaub befindet, ihr Knie nicht belasten. Sie sitzt nun im Rollstuhl und hat Krücken im Haus. Ihr Mann hat sich bis Ende Juli freistellen lassen und übernimmt die Betreuung des gemeinsamen Babys. „Das ist alles psychisch sehr belastend“, sagt sie. Wie es ab August weitergehen wird, wisse sie noch nicht genau. Bis sie wieder beweglich und belastbar wie vor dem Unfall sein wird, dürfte nach ärztlicher Prognose rund ein Jahr verstreichen. Dauerhafte Schäden und Arbeitsunfähigkeit könnten aber auch nicht ausgeschlossen werden.
Um mit der belastenden Sache abschließen zu können, rechtlich wie psychisch, wünscht sich Sara Lundin, dass sich das Radfahrerpaar bei ihr meldet. Ihre Schwiegermutter Dorothea von Wedel hat überall in der Stadt Zettel ausgehängt, dazu auch online einen Zeugenaufruf veröffentlicht. Bislang ohne Erfolg. Ob die beiden E-Bike-Fahrer, die Sara Lundin auf etwa 60 Jahre oder etwas älter schätzt, in der Region leben oder nur zu Besuch waren, ist unklar. Auch die Polizei sucht inzwischen nach Zeugen. Hinweise nehmen die Beamten in Schneverdingen unter (05193) 982500 entgegen. Wer sich direkt bei von Wedel melden möchte, erreicht sie unter (0162) 6030 883.