Kehrtwende bei Krankmeldung: „Das ist medizinischer Unsinn“
Der Soltauer Internist Dr. Fabian Riekenberg (Foto) kritisiert wie die Kassenärztliche Vereinigung das Vorhaben der Bundesregierung die Karenzzeit bei der Krankmeldung aufzuheben und die telefonische Krankmeldung zu beseitigen.
Das Vorhaben der Bundesregierung, die Karenzzeit bei Arbeitsunfähigkeit aufzuheben, stößt bei niedergelassenen Ärzten auf massiven Unmut Heidekreis. Die schwarz-rote Regierungskoalition will die Karenzzeit bei Arbeitsunfähigkeit (AU) und die telefonische Feststellung der AU durch den Hausarzt aufheben. Es gebe zu viele Krankheitstage, so die Begründung für das Vorhaben. Die geplanten Gesetzesänderungen kommen allerdings nicht überall gut an. Vor allem bei den niedergelassenen Hausärzten sorgt das auch im Heidekreis für Unmut.
Gesundheitspolitik steigert das Infektiuonsrisiko in den Praxen
Der Soltauer Internist Dr. Fabian Riekenberg spricht von einem „medizinischen Unsinn“ der Bundesregierung. Für die Praxen komme ein „enormer Mehraufwand“ zu. Hinzu komme das Infektionsrisiko in den Wartezimmern. Konnten bislang Patienten mit Magendarmgrippe oder einer Erkältung telefonisch die AU bekommen, müssen sie mit ihrer jeweiligen Infektion nun in die sowieso schon überfüllten Wartezimmer. „Ich habe jetzt schon zwischen 130 und 200 Patienten täglich in meinen beiden Wartezimmern, die werden dann auch in den Fluren stehen“, so Riekenberg. Die telefonische AU sei eine sinnvolle Entlastung gewesen. Die Bundesregierung wolle die Menschen zur Arbeit zwingen. „Aber Erkältung und Magen-Darm sind doch gar nicht das Problem der Arbeitgeber – da treffen Menschen politische Entscheidungen, die nicht verstehen, was in der Praxis passiert.“
Die kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) bestätigt, dass Riekenbergs Haltung zu dem Gesetzesvorhaben kein Einzelfall ist. „Die Regelungen belasten die Hausärzte erheblich“, so KVN-Sprecher Detlef Haffke. Die Zahlen zeigten, dass die telefonische AU kein Massenphänomen, die Karenzzeit eine Entlastung für die Praxen sei. „Außerdem widersprechen sich die bisherigen Aussagen der Koalition“, so Haffke weiter und verweist dabei auf Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD), der darauf abstelle, dass Arbeitgeber hinsichtlich der Karenzzeit ja selbst entscheiden könnten.
GKV-Stabilisierung destabilisiert die Landarztpraxen
Die Bundesregierung habe viele Gesetzesvorhaben im Köcher wie etwa das GKV-Stabilisierungsgesetz. „Das sind Ideengerüste mit Widersprüchen. Das alles zeigt, dass es der Regierung eben nicht um bessere Strukturen, sondern nur ums Finanzielle gehe, so Haffke weiter. Das Gesetz will die Bundesregierung einbringen, um weitere Beitragserhöhungen des klammen Gesundheitssystems zu verhindern. Riekenberg verweist in dem Kontext darauf, dass Ärzte in Städten wie Hannover 900 bis 1000 Fälle im Quartal abrechneten, in Soltau sei man aber bei 2000 Fällen und mehr. „Wir werden jetzt schon nicht voll bezahlt – da macht doch keiner mehr mit“, sieht er durch die Bundesregierung auch die Landarztpraxis massiv in Gefahr.