„Beim Humus müssen wir in Generationen denken“

Landwirt Christoph Becker aus Reddingen erklärt, wie er zu mehr Humusbildung kommen möchte – für ihn ein wesentlicher Faktor zur Speicherung von Regenwasser im Boden. Foto: bk

Wie lässt sich Ackerboden widerstandsfähiger gegen Dürre machen, ohne die Wirtschaftlichkeit eines Betriebs aus den Augen zu verlieren? Diese Frage stand im Mittelpunkt eines Treffens des Humus-Klima-Netzes auf dem Hof von Landwirt Christoph Becker in Reddingen bei Wietzendorf. Statt des ursprünglich geplanten Feldtages kamen aufgrund von Erntezeit, Urlaubsbeginn und der Witterung nur wenige Teilnehmer zusammen. Dem fachlichen Austausch tat das jedoch keinen Abbruch.

Wenn dem sandigen Heideboden die Speicherfähigkeit fehlt

Becker gehört seit Beginn des Projekts zu den 150 bundesweiten Modellbetrieben des Humus-Klima-Netzes. Auf seinem Familienbetrieb mit rund 150 Hektar Ackerfläche, 110 Hektar Wald, 1000 Mastschweinen der Haltungsstufe 4 und einer Biogasanlage mit 420 Kilowatt Leistung beschäftigt er sich seit einigen Jahren intensiv mit Maßnahmen zum Humusaufbau.

Der Landwirt sieht im Humus weit mehr als nur einen Bestandteil des Bodens. „Humus speichert Nährstoffe, Wasser und Kohlendioxid. Da hängt einfach unglaublich viel dran“, sagte Becker. Gerade auf den sandigen Böden der Region mit lediglich 18 bis 22 Bodenpunkten sei jeder Fortschritt wertvoll. „Wir sind nah an der Wüste dran“, bemerkte er mit einem Schmunzeln.

Weniger Bodenbearbeitung für mehr Humusbildung

Aus seiner Sicht geht es weniger darum, kurzfristig Höchsterträge zu erzielen, sondern den Boden langfristig leistungsfähig zu erhalten. Deshalb setzt Becker unter anderem auf sogenannte Ganzpflanzensilage (GPS) aus Roggen und Wicke, ergänzt durch Gräser, Klee und Spitzwegerich. Nach der Ernte wachsen Gräser und Klee wieder nach, ohne dass der Boden erneut bearbeitet werden muss. Dadurch bleibt der Boden über lange Zeit begrünt und kommt zur Ruhe.

„Ich schaffe damit anderthalb Jahre Bodenruhe“, so der Bauer. Verschiedene Pflanzenarten förderten außerdem ein vielfältigeres Bodenleben. Regenwürmer, Mikroorganismen und andere Bodenlebewesen gelten als entscheidend für den Humusaufbau.

Die Umstellung kostet allerdings Ertrag. Während Mais auf seinem Betrieb durchschnittlich rund 45 Tonnen pro Hektar liefere, erreiche die GPS-Mischung lediglich etwa 30 bis 35 Tonnen. Trotzdem hält Becker an dem System fest. „Langfristig sehe ich darin viele Vorteile. Es geht darum, nachhaltig mit dem Boden umzugehen.“

Alle Feldversuche zeigen: Wasser ist das Entscheidende

Besonders wichtig sei das angesichts zunehmender Wetterextreme. Nach Beobachtung des Landwirts wechseln sich Starkregen und lange Trockenperioden immer häufiger ab. Ein humusreicher Boden könne Wasser besser aufnehmen und länger speichern. Gerade auf den kiesigen Böden der Region sei Wasser inzwischen der entscheidende Produktionsfaktor. „Wo genug Wasser war, war alles gut. Wo kein Wasser war, war alles vorbei“, fasst Becker die Ergebnisse eigener Feldversuche zusammen.

Koordiniert wird das Humus-Klima-Netz von zwei Verbänden: dem Deutschen Bauernverband (DBV) und dem Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Wissenschaftlich begleitet wird das Vorhaben vom Thünen-Institut in Braunschweig.

150 Betriebe nehmen am Projekt des Humus-Klima-Netzes teil

Regionalkoordinatorin Simone Witzel erläuterte, dass sich ursprünglich rund 500 Betriebe um die Teilnahme beworben hatten. Nach wissenschaftlichen Kriterien wurden daraus 150 Betriebe ausgewählt, die möglichst die Vielfalt der deutschen Landwirtschaft abbilden – von konventionellen bis ökologischen Betrieben sowie unterschiedliche Boden- und Klimaregionen.

Im Mittelpunkt stehen Maßnahmen, deren positive Wirkung auf den Humuserhalt bereits wissenschaftlich belegt ist. Dazu gehören Zwischenfrüchte, Untersaaten oder vielfältigere Fruchtfolgen. Daneben werden auf einzelnen Demonstrationsflächen auch neue Verfahren wie Pflanzenkohle, effektive Mikroorganismen oder besondere Anbautechniken getestet.

Ein wichtiger Bestandteil des Projekts sei der Erfahrungsaustausch zwischen den Landwirten. In sogenannten Humus-Clubs treffen sich die Teilnehmer regelmäßig auf wechselnden Betrieben, begutachten Flächen und diskutieren ihre Erfahrungen.

Die ideologische Kluft in der Landwirtschaft ist vorbei

Nach Einschätzung Beckers haben die Herausforderungen der Landwirtschaft auch die Zusammenarbeit zwischen ökologisch und konventionell wirtschaftenden Betrieben verändert. „Die ideologische Kluft war früher deutlich größer. Heute begegnet man sich auf Augenhöhe und lernt voneinander.“

Messbare Erfolge beim Humusaufbau werden allerdings Geduld erfordern. Selbst unter günstigen Bedingungen lasse sich der Humusgehalt nach Angaben der Projektbeteiligten lediglich um etwa 0,1 Prozentpunkte pro Jahr steigern. Da die ersten Bodenproben erst 2023 und 2024 genommen wurden, seien in der aktuellen Projektlaufzeit bis 2027 kaum messbare Veränderungen zu erwarten. Deshalb strebt das Humus-Klima-Netz eine Verlängerung des Projekts bis 2031 an.

Für Becker ist der Erfolg ohnehin nicht allein an Messwerten abzulesen. Entscheidend sei der langfristige Blick. „Wir müssen in Generationen denken“, sagte der Landwirt. Böden ließen sich innerhalb weniger Jahre schädigen – ihr Wiederaufbau dauere dagegen Jahrzehnte.