Gänsehaut: Karl der Käfer lebt

Bandgründer Gerald Dellmann, Sänger Freddy Svens und Produzent Nikolai Kaeßmann sind Gänsehaut. Foto: bk

Zwischen den historischen Fachwerkgebäuden des Theeshofs weht an diesem Sommertag nicht nur der Duft alter Balken und blühender Gärten. Und es rauschen nicht nur die Kronen der alten Eichen. Es rauscht auch ein Stück Musikgeschichte durch das Freilichtmuseum – und ein Stück Neuanfang. Dort, wo Besucher sonst in die Vergangenheit des ländlichen Lebens in der Heide eintauchen, spricht die Band Gänsehaut über ihre Zukunft. Mit dabei: Bandgründer Gerald Dellmann, Nikolai Kaeßmann und der neue Frontmann Freddy Ovens aus Schneverdingen.

Umwelt-Lieder als die NDW auf Unsinn-Songs setzte

Wer den Namen Gänsehaut hört, denkt unweigerlich an einen Song, der Generationen geprägt hat. „Karl der Käfer wurde nicht gefragt“ wurde Anfang der 1980er-Jahre zu einem der bekanntesten deutschsprachigen Umweltsongs überhaupt. Während die Neue Deutsche Welle häufig auf Leichtigkeit setzte, sang Gänsehaut über Waldsterben, Umweltzerstörung und gesellschaftliche Themen – lange bevor Nachhaltigkeit zum Schlagwort wurde.

Mehr als vier Jahrzehnte später schlägt die Band nun ein neues Kapitel auf. Passend trägt das neue Album den Titel „Morgendämmerung“. „Aufbruchstimmung. Ein neuer Tag beginnt. Ein neues Kapitel für Gänsehaut“, beschreibt Dellmann im Gespräch mit der Böhme-Zeitung den Gedanken hinter der Platte.

„Morgendämmerung“-Album ab sofort streambar

Seit dem gestrigen Freitag ist das Album auf den Streamingplattformen verfügbar. Zwölf Songs sind entstanden – darunter neue Titel ebenso wie Neuaufnahmen bekannter Stücke. Natürlich darf auch „Karl der Käfer“ nicht fehlen. Der Klassiker erklingt nun mit der markanten, rauen Stimme von Freddy Ovens, der vielen Musikfreunden in der Region noch als Sänger der inzwischen aufgelösten Schneverdinger Band Kellerproduktion bekannt ist.

Dass ausgerechnet ein Musiker aus der Heide neuer Frontmann der rheinischen Kultband wird, ist kein Zufall. Kennengelernt haben sich die Musiker über das Nachwuchsprojekt „School Jam“, das Dellmann und Kaeßmann über viele Jahre betreut haben. Schnell war klar, dass Ovens nicht nur stimmlich, sondern auch menschlich zur Band passt. „Seine Stimme hat einfach einen Wiedererkennungswert“, sagt Dellmann. „Wir wollten bewusst etwas Eigenständiges schaffen und uns gleichzeitig vom früheren Sound lösen.“

„Ich bin dafür, nicht dagegen…“

Gänsehaut will positive Signale gegen die im tiefer werdende gesellschaftliche Spaltung aussenden. Gerald Dellmann (von oben), Nikolai Kaeßmann und Freddy Ovens auf dem historischen Treppenspeicher des Freilichtmuseums Theeshof in Ovens Heimatstadt Schneverdingen. Foto: bk

Anderer Sound, aber Gänsehaut hat immer noch Botschaften

Auch Kaeßmann erinnert sich noch gut an seine erste Begegnung mit Gänsehaut. „Ich war 13 Jahre alt, als ich Gerald im Fernsehen gesehen habe“, erzählt er schmunzelnd. Jahrzehnte später arbeiten beide nun gemeinsam an neuen Songs. Entstanden ist das Album größtenteils nicht mehr im klassischen Tonstudio, sondern digital. Musiker aus ganz Deutschland spielten ihre Beiträge von verschiedenen Orten aus ein, Dateien wanderten über das Internet hin und her. Gesang und Produktion entstanden überwiegend im eigenen Studio. Trotz moderner Technik bleibt aber der Kern derselbe: Gute Songs mit einer Botschaft.

So beschäftigen sich die neuen Titel mit Krieg, gesellschaftlicher Spaltung, Glauben, Zeitdruck oder Depressionen – aber ebenso mit Freundschaft, Zusammenhalt und der Kraft der Musik. Besonders wichtig ist der Band der Song „Ich bin dafür“. Er wirbt für etwas, das nach Ansicht der Musiker in einer Zeit tiefer gesellschaftlicher Risse zunehmend verloren geht: Miteinander zu reden und zuzuhören. „Heute wird man oft sofort abgestempelt und sogar gedisst, wenn man eine andere Meinung hat“, sagt Dellmann. Statt reflexhaftem Widerspruch wünsche er sich wieder mehr Zuhören und eine positive Streitkultur. „Dieses ,Bist du nicht meiner Meinung, bist du falsch', zeichnet unsere Gesellschaft leider aus, und dem wollen wir einen positiven Ansatz für mehr Miteinander über Gräben hinweg entgegenhalten“, ergänzt Kaeßmann.

Lieder gegen die Spaltung der Gesellschaft – aber positiv

Diese Haltung prägt auch die Zusammenarbeit der drei Musiker. Unterschiedliche Ansichten seien ausdrücklich erwünscht. „Wir diskutieren lange miteinander, bis wir gemeinsam zu einer Lösung kommen“, beschreibt Kaeßmann den kreativen Prozess. Ovens ergänzt, dass gerade intensive Gespräche über Texte dafür sorgten, dass jedes Lied glaubwürdig werde. Man müsse ja letztlich hinter jedem Lied auch stehen. „deswegen widmen wir uns jedem Lied auch mit gleicher Wertschätzung – bis es für uns perfekt ist“, so Dellmann.

Musikalisch wollen sich die drei nicht in Schubladen stecken lassen. Pop, Schlager, Rock, elektronische Elemente, Balladen – entscheidend sei allein, was einem Song diene. „Wir machen einfach Musik, die uns gefällt“, sagt Dellmann. „Andere dürfen entscheiden, in welches Genre sie das einordnen und welche Schubladen sie uns stecken.“

Obwohl die Band zunächst den Fokus auf die Veröffentlichung legt, denken die Musiker auch vorsichtig über Konzerte nach. Für Gänsehaut ist das keineswegs selbstverständlich, denn der letzte öffentliche Auftritt der Band war 1986. Noch fehlt dafür eine feste Live-Besetzung. Ganz ausgeschlossen sind Auftritte aber keineswegs. Als Vorband oder bei ausgewählten Konzerten könne man sich das durchaus vorstellen.

Am Ende des Gesprächs auf dem Theeshof wirkt die Band jedenfalls nicht wie ein nostalgisches Revival-Projekt. Dafür sind die Pläne zu konkret und die Ideen zu lebendig. Gerald Dellmann bringt den Antrieb auf einen einfachen Satz: „Unsere Geschichte ist noch nicht zu Ende. Wir haben noch viel zu erzählen.“

Und so beginnt für Gänsehaut aktuell tatsächlich das, was der Albumtitel verspricht: eine Morgendämmerung – mit einem Sound aus dem Rheinland und dem rauen Klang aus der Lüneburger Heide.

Gänsehaut: Ein kurzer Überblick

Die Kölner Band Gänsehaut wurde 1981 gegründet und landete 1983 mit dem Umwelthit „Karl der Käfer“ einen der bekanntesten deutschsprachigen Songs der 1980er-Jahre. Das Lied erreichte Platz eins der deutschen Single-Charts und machte die Gruppe bundesweit bekannt. Es folgten die Alben Schmetterlinge gibt's nicht mehr (1983) und Augenblicke (1984). 2022 belebte Gründungsmitglied Gerald Dellmann die Band neu. Gemeinsam mit Musiker und Produzent Nikolai Kaeßmann sowie Sänger Freddy Ovens entstand das aktuelle Album „Morgendämmerung“. Es umfasst mehrere deutschsprachige Pop-Songs, darunter auch neu eingespielte Versionen von „Karl der Käfer“. Das Album ist bei den gängigen Streamingdiensten, darunter Spotify und Apple Music, verfügbar. Weitere Infos unter www.gänsehaut.de.