Euthanasie-Opfer: Familien gesucht

Die aktuelle Sonderausstellung der der Lüneburger „Euthanasie"-Gedenkstätte hat „Mutig erinnern“ und porträtiert 17 Angehörige, die sich der Aufarbeitung ihrer Familiengeschichte gestellt haben. Es sind Angehörige von Opfern und Tätern. In Soltau werden nun Angehörige von Opfern gesucht. Foto: Gedenkstätte

„Der Rudi, der tat doch niemandem was, und dann wurde der einfach abgeholt“, berichtet Ingrid Hruby in einem Video-Interview, das 2021 aufgezeichnet wurde. Sie ist die Schwester von Rudolf Hagedorn, der 1944 mit seiner Mutter und den beiden jüngeren Geschwistern als Flüchtling nach Soltau kam.

Ingrid war knapp zwei Jahre alt, als ihr 15-jähriger Bruder vom Schutzpolizisten Remmers in die „Kinderfachabteilung“ der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg zwangseingewiesen wurde. „Weil er Epilepsie hatte“, berichtet sie fast 80 Jahre später.

Rudolf Hagedorn gehört zu jenen, die noch bis Ende August 1945 in der Lüneburger Anstalt an Mangel- und Unterversorgung starben. Und er gehört zu den insgesamt mindestens sieben Soltauer Opfern der Lüneburger „Euthanasie“-Maßnahmen – unter ihnen sind auch die beiden Kinder Erika Heuer und Horst Lehmkuhl.

Mit ihrem Schicksal befassten sich im Frühjahr auch Schülerinnen und Schüler der Tagesbildungsstätte der Lebenshilfe und des Gymnasiums Soltau gemeinsam. Die Erkenntnisse flossen in die Ausstellung „Wohin bringt ihr uns?“ ein, die im Gymnasium gezeigt wurde.

Von dem Soltauer „Euthanasie“-Opfer Rudolf Hagedorn, der 1931 auf dem Schoß seiner Mutter fotografiert wurde, wurde die Familie schon gefunden. Nur deshalb gibt es heute ein Foto von ihm und seine ganze Geschichte ist bekannt. Um auch die Geschichte sechs weiterer Opfer nachzuzeichnen, werden deren Angehörige nun gesucht. Foto: Privatbesitz Ingrid Hruby.

Schreckensbilanz: 45 Opfer im Heidekreis

In diesem Rahmen zog im März die Leiterin der Lüneburger „Euthanasie"-Gedenkstätte, Dr. Carola Rudnick, in der Felto-Filzwelt eine Schreckensbilanz. Neben den Soltauer Opfern zählt sie neun Kinder und mindestens 46 Frauen und Männer aus dem Heidekreis, die Opfer des NS-Krankenmordes wurden, darunter auch zehn Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter.

Im Publikum saß auch die Geschichtsstudentin Freya Kern, die sich nun im Rahmen ihrer Bachelorarbeit im Fach Geschichte der Leibniz-Universität Hannover intensiver mit den Soltauer Opfern beschäftigt. Wer waren die Kinder? Aus welchen Familien stammten sie? Wie verhielten sich die Familien damals? Gab es Widerstand, Rettungsversuche oder Ohnmacht?

Diesen Fragen will sie in den kommenden Wochen wissenschaftlich nachgehen. Aus den Akten ist dazu nur wenig zu erfahren. Darum rufen Rudnick und Kern, deren Forschung von Dr. Anton Weise betreut wird, die Familien auf, sich umgehend zu melden.

Erika Heuer

Gesucht wird die Familie von Erika Heuer. Sie wurde am 15. Januar 1941 in Soltau geboren. Ihre Familie lebte im Lönsweg 8 in Soltau. Diese Adresse ist nicht nur Ort ihrer Geburt, sondern auch die letzte Wohnadresse, von der aus Erika in die Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg kam. Im zarten Alter von einem Jahr und zwei Monaten kam sie in der Lüneburger „Kinderfachabteilung“ an.

Am 5. September 1942 starb Erika offiziell an einer „Lungenentzündung". Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wurde sie jedoch mit dem Medikament Luminal ermordet. Ihr qualvolles Sterben wird sich über mehrere Tage gezogen haben. Sie wurde vier Tage später ohne Beisein ihrer Mutter auf dem damaligen Anstaltsfriedhof, das ist heute der Lüneburger Friedhof Nordwest, auf dem für die ermordeten Kinder eingerichteten „Kindergräberfeld“ bestattet.

Horst Lehmkuhl

Etwa zeitgleich mit ihr kam auch Horst Lehmkuhl in die „Kinderfachabteilung“. Er wurde am 5. März 1940 in Soltau geboren. Seine letzte Meldeadresse lautete Lüneburger Straße 63 in Soltau. Auch seine Angehörigen werden gesucht. Horst Lehmkuhl kam im Alter von zwei Jahren und zwei Monaten in Lüneburg an.

Schon zwölf Tage später lag die Einweisungs-Verfügung vor. Er starb am 3. November 1942. Seine offizielle Todesursache lautete ebenfalls „Lungenentzündung“, und auch er wurde auf dem „Kindergräberfeld" bestattet. Seine Eltern mussten für seine Unterbringung und Beerdigung sogar bezahlen, bekamen seinen gewaltsamen Tod de facto in Rechnung gestellt.

Harald Frandsen

Aber auch die Familien von vier erwachsenen Opfern der „Euthanasie“ werden gesucht. Unter ihnen ist Harald Frandsen, der – am 18. Dezember 1926 in Hamburg geboren und zuletzt wohnhaft bei seiner Großmutter Emma Frandsen im Buchhopsweg 35 in Soltau – mit 16 Jahren von Lüneburg in die Tötungsanstalt Pfafferode verlegt und dort nur drei Monate nach seiner Ankunft kurz nach seinem 17. Geburtstag gewaltsam starb. Er war einer der insgesamt 252 von insgesamt 298 verlegten Lüneburger Patientinnen und Patienten, die die Tötungsanstalt Pfafferode nicht überlebten.

Marie Behr

Zu den gesuchten Familien gehören auch Angehörige von Marie Behr, die am 13. September 1906 in Soltau geboren wurde. Die Familie lebte im Hagen 15.

Ihr Leidensweg begann bereits in Lüneburg, da man sie an jedem zweiten Tag mit einer Elektroschockbehandlung malträtierte. Im Oktober 1940 wurde sie für eine Verlegung in die Tötungsanstalt Hadamar gemeldet, wo sie am 12. Mai 1941 in einer Gaskammer mit Kohlenmonoxid ermordet wurde. Marie Behr ist somit ein Soltauer Opfer der „Aktion T4“.

Walter Buddrich

Sie ist jedoch nicht das einzige „T4“-Opfer. Auch Walter Buddrich, geboren 1922 in Becklingen (Landkreis Celle) und Sohn von Landwirt Robert und Elsbeth Buddrich, wurde Opfer der „Rassenhygiene“.

Kurz nach seinem Umzug in die Celler Straße 8 in Soltau, wurde er gegen seinen Willen durch Beschluss eines „Erbgesundheitsgerichtes“ sterilisiert. Vier Jahre später, am 21. Mai 1941 wurde Walter Buddrich in der Tötungsanstalt Hadamar mit Gas ermordet.

Wilhelmine Reiners

Wilhelmine Reiners, geboren 1875 auf einem der wenigen Bauernhöfe in Ilhorn bei Neuenkirchen, wurde zwar von der „Aktion T4“ verschont, kam jedoch wie Harald Frandsen nach Pfafferode und wurde dort bald nach ihrer Ankunft ermordet. Vor ihrer Einweisung in die Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg hatte sie im Altenheim in Soltau, Rühberg 7, gelebt.

Emotional herausfordernd, aber oft erleichternd

„Wir möchten es nicht unversucht lassen, Nachfahren dieser NS-Opfer zu finden“, betont Rudnick, die seit 2013 zu hunderten Familien Kontakt aufgebaut hat. Sie weiß, wie emotional herausfordernd es sein kann, sich mit diesem finsteren Kapitel in der eigenen Familiengeschichte zu befassen.

„Für viele Angehörige verbindet sich mit der Aufklärung des Schicksals aber auch große Erleichterung. Endlich Gewissheit zu haben, ist für die meisten beruhigend. Viele sind am Ende sogar befreit, wenn wir miteinander sprechen, wenn wir Licht ins Dunkel bringen und mit den Vorfahren so etwas wie Frieden gemacht werden kann“, beschreibt sie ihre Erfahrung.

Im Februar 2025 beschäftigen sich die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums und der Tagesbildungsstätte der Lebenshilfe Soltau gemeinsam mit dem Schicksal von Menschen aus Soltau, die aufgrund ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigungen in der NS-Zeit ermordet wurden. Insbesondere das Schicksal des Jungen Rudolf Hagedorn berührt sie. Foto: at

Hinweise erbeten

Rudolf Hagedorn, Erika Heuer, Horst Lehmkuhl, Harald Frandsen, Marie Behr, Walter Buddrich und Wilhelmine Reiners aus dem Heidekreis gehören zu den Opfern der „Euthanasie“-Maßnahmen der NS-Zeit, zu denen die Soltauer Studentin Freya Kern, aber auch die Lüneburger „Euthanasie“-Gedenkstätte forscht.

Deren Leiterin Carola Rudnick und Freya Kern bitten daher all jene, die mit den Soltauer Opfern bekannt oder verwandt sind, sich an die Gedenkstätte zu wenden. Jeder Hinweis sei wertvoll, sagen sie. Kontakt über Dr. Carola Rudnick, carola.rudnick@gedenkstaette-lueneburg.de, oder unter (04131) 60 228970. Weitere Informationen unter www.gedenkstaette-lueneburg.de. bz