Platzt der Traum von der Wasserstoff-Region?

Vor zwei Jahren herrschte noch Aufbruchstimmung in Walsrode. Zur Woche des Wasserstoffs, einer jährlichen bundesweiten Veranstaltungsreihe, die vom 20. bis zum 28 Juni erneut vor der Tür steht, hatten sich rund zwei Dutzend Spediteure und Betreiber von Nutzfahrzeugen in der Stadt eingefunden. Die regionale Wirtschaftsförderungsgesellschaft Deltaland, die Wirtschaftsförderung des Landkreises und der integrierte Energieversorger GP Joule hatten zum Blick in die grüne Zukunft der Branche eingeladen. Die liege im Heidekreis nicht mehr in weiter Ferne, lautete die Botschaft. „Den Treibstoff der Zukunft soll es ab 2026 geben“, titelte die Böhme-Zeitung.

Daraus wird nichts. Wie GP Joule auf Nachfrage bestätigt, ist das Projekt einer Wasserstoff-Tankstelle im Walsroder Gewerbegebiet A27-Park gestorben. „Da aktuell keine Brennstoffzellen-Sattelzugmaschinen verfügbar sind und damit auch die Nutzung der Tankstelle durch Transport- und Logistikunternehmen nicht gesichert ist, mussten wir von dem Projekt leider Abstand nehmen“, teilt das auf erneuerbare Energien spezialisierte Unternehmen mit.

Nur noch 50 Wasserstoff-Tankstellen bundesweit

Ganz überraschend kommt das nicht mehr. Die Zahl der Anlagen ist rapide eingebrochen. Aktuell existieren bundesweit noch 50 Wasserstoff-Tankstellen, vor zwei Jahren waren es noch 80. Im Pkw-Verkehr spielt die Technologie praktisch keine Rolle mehr. Aber auch im Bereich schwerer Nutzfahrzeuge geht der Trend zur Elektromobilität statt zur Brennstoffzelle. Unternehmen wie GP Joule stehen vor einem klassischen Henne-Ei-Problem: Weil es zu wenige Wasserstoff-Tankstellen gibt, fahren zu wenige Wasserstoff-Lkw – und umgekehrt. Grüner Wasserstoff sei „keine Universallösung“, heißt es bei der Umweltschutzorganisation Greenpeace, die die Technologie, mit einem geflügelten Wort der Lüneburger Ökonomie-Professorin Claudia Kemfert, als „Champagner der Energiewende“ bezeichnet. Es gibt Branchen, in denen Wasserstoff weiter als grüne Schlüsseltechnologie gilt, etwa in der energieintensiven Stahlindustrie. Aber der Hochlauf der Wasserstoff-Technologie, der die hohen Kosten senken und die Technik für Investoren interessanter machen könnte, kommt nicht voran. Das beklagte zuletzt auch Matthias Wunderling‑Weilbier. „Wir brauchen den Willen der Bundesregierung, die nationale Wasserstoffstrategie tatsächlich umzusetzen“, erklärte der Staatssekretär im Niedersächsischen Wirtschaftsministerium anlässlich eines Besuchs beim Wasserstoff-Campus in Salzgitter. „Ohne klare Nachfrage und einen abgestimmten Gesamtpfad wird kein Unternehmen in großem Stil investieren.

Schlechtes Omen für die Vision

Das Aus für eine Wasserstoff-Tankstelle im Heidekreis ist ein herber Dämpfer für die Vision einer prosperierenden Wasserstoff-Region, die nicht nur regenerativen Industriestrom in Bundesländer mit weniger Wind liefert, sondern auch selbst ganz unmittelbar von eigenen Überkapazitäten profitiert. Weil aus grünem Strom grüner Wasserstoff wird, und dieser direkt vor Ort genutzt wird.

Grüner Wasserstoff entsteht aus Strom aus erneuerbaren Ressourcen, der durch ein spezielles Verfahren (Elektrolyse) in chemische Energie umgewandelt wird. Regionen, in denen viel erneuerbarer Strom erzeugt wird, stehen bei der Produktion von grünem Wasserstoff daher im Fokus. Der Heidekreis gehört zum Wasserstoffnetzwerk-Nordostniedersachsen, einem Zusammenschluss der elf Landkreise der Region Lüneburg, die sich durch günstige Bedingungen für Windkraft, Biogas und Photovoltaik auszeichnen und darin einen strukturellen Standortvorteil für die Ansiedlung wasserstoffbasierter Industrien erblicken.

In einem ersten Schritt, so die Theorie, durch Marktteilnehmer, die schon da sind – die auf der A7 fahrenden Lkw-Flotten. Doch weil Wasserstoff-Lkw innerhalb der Flotten weiterhin so selten sind wie Einhörner, geht die Rechnung nicht auf. Schon das überschaubare Pilotprojekt im Gewerbepark Walsrode ist damit gescheitert – es ist ein denkbar schlechtes Omen für die Vision als Ganzes.

„Fehlende Marktdynamik bleibt zentrales Hemmnis“

„Die fehlende Marktdynamik bleibt ein zentrales Hemmnis“, heißt es besorgt aus dem Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Bauen. Dort verweist man zwar gerne auf Vorzeige-Projekte wie „Salcos“, das zentrale Transformationsprogramm der Salzgitter AG zur Umstellung der CO₂-intensiven Stahlerzeugung auf eine nahezu klimaneutrale Produktion, oder den Aufbau einzelner Wasserstoff-Wertschöpfungsketten.

„Damit beweisen unsere Unternehmen, dass Transformation gelingen kann – technologisch, industriell und investiv“, erklärte Wirtschaftsstaatssekretär Matthias Wunderling-Weilbier jüngst bei einem Besuch in Salzgitter. Doch der notwendige „Markthochlauf“ der grünen Schlüsseltechnologie entwickele sich allein aus solchen „Pionierprojekten“ noch nicht. Dafür brauche es „wettbewerbsfähige Strompreise, Planungssicherheit bei den Netzentgelten und praxistaugliche europäische Vorgaben“ – und nicht zuletzt „den Willen der Bundesregierung, die nationale Wasserstoffstrategie tatsächlich umzusetzen“. Die schwarz-rote Regierung bekennt sich im Koalitionsvertrag zur Technologie und zum Aufbau eines industriellen Wasserstoffmarkts, unter anderem auch durch eine Grüngasquote, für die aber noch kein Gesetzentwurf vorliegt.

Der Heidekreis soll mit zwei Leitungsabschnitten an das rund 9700 Kilometer lange deutsche Wasserstoff-Kernnetz angeschlossen werden. Das in Hannover ansässige Unternehmen Gasunie Deutschland plant aktuell eine Trasse von Achim über Lehringen in den Heidekreis, vermeldete die Kreiszeitung Rotenburg im Februar. Allerdings drohe das Projekt an der Wirtschaft in der Region „völlig vorbeizugehen“. Im Kreistag im Nachbarlandkreis wurde vor diesem Hintergrund darüber nachgedacht, Initiativen etwa unter dem Dach der IHK zu entfalten, um Betriebe vor Ort bei der Umstellung auf Wasserstoff zu unterstützen. Für den Heidekreis sieht die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Deltaland Potenzial „insbesondere für die großindustriellen Abnehmer im Industriepark Walsrode in Bomlitz und in der Lebensmittelindustrie in Bad Fallingbostel“ – immer vorausgesetzt, dass „eine vernünftige Kostensituation“ gewährleistet ist. Diesen Punkt hebt auch Wunderling-Weilbier hervor, der davor warnt, die bislang geltende Befreiung von Stromnetzentgelten für Elektrolyseure anzutasten. Sie sei ein wichtiger Baustein für wirtschaftlich tragfähige Geschäftsmodelle, schon die Diskussion über mögliche Änderungen könnte sich äußerst negativ auswirken. Zu schwache Nachfrage gefährde die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Netzes. „Für große Infrastrukturprojekte mit jahrzehntelangen Amortisationszeiträumen sind klare und verlässliche politische Leitplanken unverzichtbar.“

Die Region hat auch Potenzial als Erzeuger für grünen Wasserstoff, der aus dem hier produzierten regenerativen Strom gewonnen werden könnte. Um die Zukunftschancen sowie ihre Grenzen möglichst ganzheitlich zu erfassen, haben die Kommunen der Leader-Regionen Vogelpark (Walsrode, Bad Fallingbostel, Gemeindefreier Bezirk Osterheide) sowie Aller-Leine-Tal (im Landkreis Heidekreis Ahlden, Rethem und Schwarmstedt) eine Energiesystemstudie für die Wirtschaftsregion in Auftrag gegeben. Sie soll Ende 2026 vorliegen und für etwas mehr Klarheit sorgen.